Hier finden Sie einige Predigten, die in der Martinskirche Kirchentellinsfurt gehalten wurden. Aktuelle Predigten zu jedem Sonntag gibt es auch unter predigten.evangelisch.de

Predigten aus der Martinskirche

  • add Predigt zu Psalm 27,1

    Pfarrerin Dr. Susanne Edel

    Predigt zu Psalm 27,1 und Fürbitten am Sonntag, 26.7.2020

     

    Predigt

    Taufspruch:

    Gott ist mein Licht und mein Schutz. Vor wem sollte ich mich fürchten?

    Gott ist die Kraft in meinem Leben. Was mir Angst macht, wird ganz klein. Ps 27,1

     

    Liebe Gemeinde,

    Taufe

    nach langer Pause dürfen wir heute einmal wieder Taufe feiern - was für eine Freude! Ungerührt von Corona oder nicht Corona ist Sam einfach auf die Welt gekommen - nun hat Jamie-Lee einen Spielkameraden bekommen, wie schön! Sie bringen ihn zur Taufe und sagen damit: Sam ist nicht nur unser Kind. Sam ist uns als Kind Gottes anvertraut - und dieser Gott ist ihm und uns Licht und Schutz und Kraft - so haben sie’s als Taufspruch für Sam ausgesucht und wir haben’s eben miteinander gebetet.

    Doch wie zeigen sich Licht und Schutz und Kraft Gottes im alltäglichen Leben?

    Wo bleibt das Licht?

    Manchmal erscheint uns das Leben von zu vielen Herausforderungen gekennzeichnet. Sie, als Familie kennen das nur zu gut. Natürlich ist eine so große Familie in sich schon nicht nur Freude, sondern auch eine Herausforderung. Leider beschenken wir einander ja nicht nur, sondern muten einander auch ganz schön viel zu. Kinder den Eltern, Geschwister einander, Eltern den Kindern undsofort. Das Tausenderlei des täglichen Lebens ist an und für sich mühsam. Und dann kommt da plötzlich eine Krankheit, ein Mensch stirbt, ein Job wird brüchig. Kommt jetzt wirklich von irgendwo ein Lichtlein her, wie der Volksmund sagt?

    Ihnen, liebe Frau Geißler, war ganz wichtig, dass auch Sam einen Taufspruch bekommt, der erzählt: das Licht ist da. Seit der Beerdigung der Großmutter begleiten Sie Worte vom Licht. Dort stand der Konfirmationsspruch im Mittelpunkt - ein Gebetswort aus dem 43. Psalm: „Sende dein Licht und deine Wahrheit, dass sie mich leiten zu deiner Wahrheit und ich dir danke, dass du mir hilfst.“

    Unter welchem Licht steht, was ein Leben ausmacht?

    Soll sich das zusammenfügen?

    Die Großmutter hat gern Memory gespielt. Beim Memory müssen immer zwei Bilder zusammenpassen, damit es aufgeht. Im Leben passen Bilder nicht einfach zusammen. Wie wunderbar, dass Sie so offen waren, Sam als 6. Kind in ihrer Familienrunde zu empfangen. Gleichzeitig begegnet ihnen Stirnrunzeln, wieso man heute noch als so große Familie leben will - und die Herausforderungen, die’s zu acht gibt, sind für sie natürlich auch hart. Der Verheißung, dass Gott Kraft schenkt für alles, möchten Sie trauen - aber wenn dann das dritte Großelternteil mit schwerer Krankheit geschlagen wird, nagen Zweifel, was das soll. Für uns alle fügen sich Bilder unseres Lebens nicht einfach zusammen. Im beginnenden Frühjahr standen der aufblühende Frühling neben Bildern von Menschen, die auf Intensivstationen verzweifelt gegen Covid-19 ankämpften. Särge in Armeefahrzeugen neben Kirschblüten im Frühlingswind. Oder letzte Woche 91 Stunden Ringen in Brüssel neben den Hoffnungssternen der blauen Europafahne. Oder es gibt das Paar, das vergeblich auf Nachwuchs wartet, während eine andere Familie sechs Kinder geschenkt bekommt.

    Im Licht Gottes fügen sich Bilder zusammen, die für uns sperrig nebeneinander bleiben.

    Wie das gehen soll - das sprengt unser Denkvermögen. Doch Strahlen von diesem Licht sehen wir hier und dort aufleuchten. In dieser Hoffnung taufen wir heute Sam. Bitten wir Gott um sein Licht für ihn und uns mit dem Lied, das den großelterlichen Konfirmationsspruch vertont.

    „Sende dein Licht…“ Im Evangelischen Gesangbuch Nr. 172.

    In Gottes Licht fügen sich Bilder unseres Lebens zusammen, die wir nicht zusammenbringen - so habe ich behauptet.

    Gute Schöpfung und Corona

    Schauen wir uns zwei solche Bilder noch kurz an: Wie fügt sich das Bild eines unberechenbaren Corona-Virus zum Bild der Schöpfung Gottes in einem Kirschblütenzweig? Wo ist das Licht des Schöpfergottes, wenn eine scheußliche Krankheit uns einholt?

    Ich glaube, manchmal reden wir Christen zu flüssig vom Schöpfergott, der doch alles so wunderbar geschaffen hat. Was uns als Natur entgegenkommt, ist nicht einfach wunderbar. Da zieht ein Wespenstich eine Entzündung nach sich. Die Tierwelt kann grausam sein. Dort löst eine Pflanze allergische Reaktionen aus. Da sagen wir nicht so einfach: „Danke, Gott, für deine gute Schöpfung!“

    Durchkreuzt

    Im Kern unseres Glaubens steht Christus, der Gekreuzigte. Unzählige Frauen haben schon Trost gefunden in der Darstellung, wie die Mutter Maria ihren toten Sohn im Arm hält - das so genannte Kunstmotiv der Pieta. Wie Bilder nicht zusammenpassen - das kommt im Kreuz sozusagen zugespitzt zum Ausdruck. Denn dort fühlt sich das Sperrige besonders gemein an: Einer hat Liebe verschenkt und wurde tödlich verletzt.

    Aus Angst ins Vertrauen

    Und jetzt? Die Jesusanhänger von damals, die erzählen: das war nicht das Ende. Es ging weiter. Voller Sorge und Angst waren sie gewesen. Und jetzt? Was soll denn jetzt werden? Und dann überkam sie Vertrauen. Vertrauen, dass der Weg mit Jesus weiterging. Jesus blieb präsent. Anders als vorher. Sie hatten Mühe, ihn zu erkennen. Er war nicht mehr einfach leibhaft an der Seite. Aber er war im Herzen und in der Kraft und im fremden Gegenüber. Er hat Licht auf den Weiterweg geworfen. Eben so, dass sie aus der Sorge und Angst herauskamen und vertrauen konnten: Gott ist in dem, was auf uns zukommt. Was auch immer das ist. Jesus ist mittendrin.

    Und wie findet sich der Weiterweg? Die Markierung dieses Weges heißt: Es lohnt sich, in der Liebe zu bleiben. In der Liebe fügen sich sperrige Bilder zusammen.

    Zusammengefügt in der Liebe

    Liebe sieht hinter dem wütenden Gegenüber einen kostbaren Menschen, dem gerade alles zu viel wird. Liebe ermöglicht, eine Wespe staunend zu betrachten - was die alles kann und weiß und wie die lebt. Einem Traurigen steht die Liebe bei - bis hin zum liebevollen Bild der Pieta.

    Nein, das Sperrige ist damit nicht aufgehoben und auch nicht erklärt. Wieso Menschen zur Unzeit sterben.  Wieso Wespen so scheußlich stechen müssen. Das muss ich unbedingt eines Tages unseren Schöpfer fragen. Doch mit dem Rätselhaften und Scheußlichen menschlich-liebevoll umgehen, das will ich immer neu probieren. Mir scheint: dann hat’s das Licht Gottes am leichtesten, seine Lichtstrahlen leuchten zu lassen. Auch durch mich. „Mache dich auf, werde Licht, denn dein Licht kommt!“ so haben wir‘s in der Taufe Jamie-Lee zugesprochen. Davon will ich mich anstecken lassen. Amen

     

     

    Fürbitten

    Du Gott voller Licht und Schutz und Kraft,

    danke, dass du mit deinem Geist mittendrin bist

    was auch auf uns zukommt

    und worin wir auch stecken.

    Wir bitten dich:

    Führe uns aus der Angst ins Vertrauen.

     

    Sei bei allen,

    denen in dieser merkwürdigen Zeit

    der Atem ausgeht.

    Gib Schülerinnen und Schülern,

    Eltern und Kindern

    allein Lebenden und dicht zusammen Wohnenden

    Kraft und Perspektive.

    Lass Menschen in Politik und Wirtschaft

    in Gesundheitswesen und Pflege

    neu zu Kräften kommen.

    Wir bitten dich:

    Führe uns aus der Angst ins Vertrauen.

     

    Sei bei allen,

    denen die Lebensgrundlage fehlt

    für Leib und Seele.

    Stärke die Unermüdlichen

    in unseren Hilfsorganisationen.

    Erleuchte Verstand und Herz,

    damit wir Wege finden, die von deiner Liebe erzählen.

    Und lass das Kinderlachen

    von deinem Licht erzählen

    und auf offene Herzen treffen.

    Wir bitten dich:

    Führe uns aus der Angst ins Vertrauen.

    Amen.

  • add Predigt zum 3. Sonntag nach Trinitatis: Wie geht's gut weiter?

    Gedanken zum Bibeltext Micha 7, 18-20 von Pfarrerin Dr. Susanne Edel

    Selbstverständlich im Fluss

    Manchmal geht leicht von der Hand, zu tun, was ich gut finde. Es fließt einfach. Ein andermal ist es, als wäre dieser Fluss verstopft.

    Letztes Jahr gab’s im Kalender „Der andere Advent“ eine Geschichte, an die ich seither immer wieder denke. Freunde wollten einer Schwerkranken Gutes tun. Und die hat auf überraschende Weise um Hilfe gebeten. „Lebt bewusst, was euch als Gesunden möglich ist!“, schlug sie vor, ‚“und dann schreibt mir.“ Nun erreichten sie auf ihrem Krankenlager viele Nachrichten. Immer wieder leuchtete das Smartphone auf - und sie bekam Anteil an einem Spaziergang über die Frühlingswiese, an einem Glas Wein auf der Terrasse, an der Schale Kirschen, die über den Zaun gereicht wurde. So konnte sie als Kranke dazu beitragen, dass die Freunde das Gute sehen konnten, das ihnen Tag für Tag widerfährt. Und sie schenkten es ihr weiter.

    Wie genial, dachte ich. Und: Einer Kranken so Gutes tun - das macht Freude. Wie selbstverständlich fließt Gutes von einem zur anderen, hin und her.

    Verstopft

    Wenn ein Mensch schwer krank wird, folgt auf das Erschrecken oft das Gefühl, ohnmächtig zu sein. Was wäre es, wenn wir ihm Gesundheit schenken könnten! Doch das liegt nicht in unserer Macht.

    Ohnmacht ist schwer auszuhalten. Weil das so ist, reagieren Menschen darauf oft mit zwei Denkmustern und zwar gerade dann, wenn ihnen Religion etwas bedeutet. Da ist zunächst die Frage: Wo ist denn jetzt der Gott, der es gut meint? Schnell verbindet sich diese Frage mit der Idee: Strafe muss sein. Und Gott straft manchmal Menschen. Und schon landen sie bei der zweiten Frage: Doch, Moment mal - wie kommt es dann, dass ich wieder ohne Befund aus der Krebsvorsorge rauskam? Keiner kann doch sagen: Ich habe es verdient, heil davonzukommen. Warum gerade ich? Und auf einmal sind da Schuldgefühle, obwohl das bei Licht betrachtet gar keinen Grund hat. Menschen erkennen, dass sie selbst es nicht mehr verdient haben zu überleben als die anderen. Sie sind nicht besser, sie sind nicht schlechter. Warum also gerade ich? Und dann sitzen sie mit schlechtem Gewissen beim Glas Wein, während die Freundin auf dem Krankenlager liegt.

    Wer in solchen Denkmustern steckt, dem geht das Gute nicht leicht von der Hand. Es geht schwer, zum Telefonhörer zu greifen und bei der Kranken anzurufen. Der Strom Gutes zu tun ist wie verstopft. Manche Menschen tragen schwer daran. Und die Freundin auf dem Krankenlager trägt noch ein bisschen mit - wäre sie nicht krank, würde es den Freunden besser gehen.

    Gebückt und aufgerichtet

    Nach dem zweiten Weltkrieg kamen manche Männer mit der Frage nach Hause „Warum bin ich mit dem Leben davongekommen - und die Kameraden nicht?“ Wen diese Frage quält, dessen Leben kann nicht in Fluss kommen. Gebückt zieht er seiner Wege.

    „Der Krieg war eine Strafe Gottes!“ haben manche nach diesem Krieg gesagt. Ist das so? Glauben wir an einen Gott, der Menschen straft und sagt: „Strafe muss sein!“?

    Überraschender Schluss

    Was wir heute aus der Bibel hören, klingt anders. Das Michabuch schließt mit folgenden Worten:

    „Wer ist ein Gott wie du, der Vergehen wegträgt,

    an Aufsässigkeit vorübergeht

    beim Rest seines Eigentums!

    Nicht hält er seinen Zorn für immer fest,

    denn er ist einer, der Güte liebt.

    Er wird sich unser nochmals erbarmen,

    er wird unsere Vergehen zertreten.

    Du versenkst in die Tiefen des Meeres

    alle unsere Verfehlungen.

    Du wirst Jakob die Treue schenken

    und Abraham die Güte,

    die du unseren Vätern geschworen hast

    seit den Tagen der Vorzeit.“ (Übersetzung von H.W. Wolff)

     

    Wie passt denn dieser Schluss zu dem, was vorher dasteht? Der Prophet Micha geht selbstverständlich davon aus, dass Gott ein Strafgericht verhängt über die Mächtigen und Großen und Reichen. Grund dafür gab’s genug - und Micha las ihnen gehörig die Leviten. Sie hatten die einfachen Leute aus ihren Häusern gejagt und die anständigen Leute ausgesaugt bis auf die Knochen. Kaufleute und Händler haben falsche Maße benutzt und die Leute nach Strich und Faden betrogen. Was Micha sagt, klingt erschreckend aktuell. „Eure Stadt wird ein Trümmerhaufen werden!“ wetterte Micha. Und so kam’s. Und das Heulen war laut und lang. So viele Menschen waren in der Katastrophe nicht davongekommen. Ein großer Klagegesang müsste eigentlich angestimmt werden: Herr, du hast uns bestraft für alles, was wir angerichtet haben. Wir sind am Ende. Die Trümmer sind zu groß für uns. Wir kommen nicht mehr weiter. Wir sind so wenige. Wir sind ja nur der klägliche Rest. Es ist alles trostlos.

    Doch stattdessen hören wir einen Lobgesang.

     

    Was bringt Leben in Fluss?

    Was hat die Herausgeber zu diesem Schluss bewogen? Sie wussten: jetzt ist Aufbauarbeit nach der Katastrophe angesagt. Was braucht es dafür? Die Verfasser weichen ab von dem, worauf im Michabuch alles zuzulaufen schien. Es ist wie bei einem Krimi, der ganz anders ausgeht als erwartet. Gott ist voll in Aktion - doch nicht als Strafvollzieher. Er setzt seine ganze Kraft ein, um die Verfehlungen auf seinen Schultern wegzutragen. Mit kräftigen Schritten tritt er das ganze Dorngestrüpp zu Boden, das aus dem falschen Leben gewuchert ist. Und zuletzt wirft er alles Schändliche, alle Falschheit und allen Betrug ins Meer - auf Nimmerwiedersehen. So was tut Gott. Und wieso tut er das? Weil er eine Leidenschaft hat: dass das Gute in Fluss kommt. Er liebt die Güte und hält Treue.

    Das war mutig, so ein Schluss nach allem was war. Ein Loblied anzustimmen: Gott ist nur gut. Er straft nicht. Er zerstört nicht. Er bewahrt den Rest seines Volkes. Die, die davongekommen sind.

    Die Verfasser haben das Buch Micha viele Jahre nach der Katastrophe in Umlauf gebracht. Mir scheint, sie verstanden sehr tief, wie wir Menschen ticken. Sie wussten: Wer Angst hat vor dem strafenden Gott - der wird Mittel und Wege finden, den Schuldigen anderswo zu suchen. Und doch immer damit beschäftigt bleiben, Schuldgefühle wegzuschieben. Oder auch darin zu versinken.

    Dabei hat Gott doch ein ganz anderes Ansinnen als Schuldige ausfindig zu machen. Er liebt Güte. Er fragt, wie es kommt, dass Menschen tun was sie tun. Und wie es dahin kommen kann, dass Gutes ins Fließen kommt.

    Angesichts des Gewaltausbruchs letztes Wochenende in Stuttgart habe ich als erstes die Frage gehört: Wie konnte es dazu kommen, dass diese Menschen so gewalttätig wurden? Ich habe mich gefreut. Ja, mit dieser Frage könnten wir weiterkommen. Erst später habe ich die Stimmen gehört die riefen: Hauptsache, wir bestrafen die Übeltäter ordentlich.

    Wie kommt Gutes in Fluss? An dieser Frage und an keiner anderen ist Gott leidenschaftlich interessiert. Er will wissen, wie es dazu kommt, dass der Fluss des Guten immer wieder verstopft und Menschen in böse Machenschaften geraten. Wie können sie stattdessen aus dem Guten schöpfen?

    Gott zu loben ist eine gute Möglichkeit, fanden die Herausgeber des Michabuches. Gerade in schweren Zeiten, wo Menschen verzagt und verzweifelt sind. Unversehens landeten sie dabei, dass sie nicht mehr über Gott, sondern zu Gott gesprochen haben.

    Aus Gutem schöpfen

    Schöpft aus dem Guten, wenn ihr könnt, so höre ich heute diese Worte. Und gebt denen Anteil, die vor lauter Verzweiflung und Verzagtheit dieses Gute gerade gar nicht sehen können. Erzählt ihnen, woran ihr euch freut! So wie’s die Freunde bei jener Krebskranken gemacht haben. Und lobt Gott - ihr werdet sehen: dann entdeckt ihr noch mehr Gutes. Auch wenn ihr das große Ganze nicht versteht - das Gute wird euch zufließen.

    Amen

     

  • add Predigt zur "Pause" am 2. Sonntag nach Trinitats

     

    Predigt zu Matthäus 11,28

    von Pfarrerin Cordula Modrack

     


    Mühselig und beladen – die Pause

     

    „Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid. Ich will euch erquicken.“, sagt Jesus.

    Ein bekannter Bibelvers aus dem Matthäusevangelium.

    Kommt her zu mir, alle die ihr mühselig und beladen seid.
    Die ihr eure liebe Mühe habt mit etwas oder mit jemandem.
    Die ihr euch abmüht, Tag für Tag.
    Euch Mühe gebt und hofft, dass es was bringt.

    Kommt her zu mir, alle, die ihr belastet seid, mit Sorgen oder Schuld.
    Mit dem, was ihr an Erinnerungen und Erfahrungen mit euch rumschleppt.
    Mit den Gedanken, die euch runterziehen.

    Ich will euch erquicken.

    Im griechischen Urtext findet man dort ein Wort, das Sie alle kennen.
    Luther übersetzt: Ich will euch erquicken.
    Im Urtext steht: kagoo anapausoo hymas.
    Unser Wort „Pause“ kommt da vor, kommt da her.
    „Ich will euch Ruhe geben“, „ich will euch ausruhen lassen“, heißt es eigentlich wörtlich.
    „Ich will euch eine Pause geben.“

    Kommt her zu mir alle, die ihr müselig und beladen seid, ich will euch eine Pause geben.

     

    O-Töne zur Ambivalenz der Pause

     

    Ein Freund von mir sagt:
    „Sonntags ist Sport angesagt, da kann ich abschalten von der Arbeit.
    Von dem, was die Woche über so los war, kann meine Gedanken sortieren oder einfach mal den Kopf frei kriegen.“
    Für manche ist es nicht das Sportmachen, sondern die Gartenarbeit, das kreativ werden – oder etwas ganz anderes.

    „Abends fläz´ ich am liebsten noch ne Runde auf die Couch und schau Serien“, sagt mein Schwager.

    „Der Gottesdienst ist für mich eine wichtige Pause, eine Unterbrechung vom Alltag“, mögen manche von Ihnen denken.

     

    So haben viele etwas gefunden, was ihnen eine kleine Pause vom Alltag ermöglicht. Erholungspausen, kreative Pausen, Zeit zum Entspannen, zum Ausruhen und Kraft schöpfen.

     

    Es gibt aber nicht nur die angenehmen Erholungspausen.
    Es gibt auch die unschönen, die bedrohlichen Pausen.

    Sendepausen. Lohnpausen. Zwangspausen.

    Da ist Heike: „Ich hab seit Jahren keinen Kontakt zu meiner Schwester. Der Tod meines Vaters und die Erbschaft hat uns den Rest gegeben. Zwischen uns herrscht Funkstille, es ging nicht mehr anders.“ – Sendepause.

    Da ist Christian, der sich selbständig gemacht hat. „Lang sollte es mit der derzeitigen Auftragslage nicht weitergehen“, sagt er. Die Corona-Pause bedroht ihn beruflich sehr. Lohnpause.

    Da ist Joyce, die mit ihren drei Kindern in einem Township in Südafrika lebt.
    Hygiene und Social distancing ist hier unmöglich, wo Menschen auf engstem Raum zusammenleben. Gleichzeitig galten in Südafrika monatelang heftige Ausgangssperren.
    „Es ist die Hölle, wir können keine Jobs annehmen, wir hocken aufeinander, wir haben Angst vor den Weißen, die das Virus eingeschleppt haben.“, sagt Joyce. Und: „Uns bringt nicht das Virus, uns bringt der Lockdown um.“

    Diese Menschen bräuchten eher eine Pause von der Pause.

     

    Hartmut Rosa, Soziologe in Jena, findet, dass wir während der Coronazeit in einen gesamtgesellschaftlichen burnout gerutscht sind.
    Wir sind ausgebrannt, kraftlos, haben heftige Erschöpfungssymptome.
    Was wir jetzt dringend brauchen sei „soziale Energie“, wie er es nennt. Das wäre die Pause, die wohltuende Unterbrechung, die wir als Gesellschaft jetzt brauchen.  

    „Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch eine Pause geben“, sagt Jesus.

     

    Pause in der Bibel

    Wie ist das mit der Pause in der Bibel?

    In der Schöpfungsgeschichte gibt es eine prominente Pause.
    Gott hatte sechs Tage lang allerhand erschaffen.
    Über den siebten Tag steht in der Bibel:
    „Am siebten Tag vollendete Gott seine Werke, die er machte und ruhte...“ (Gen 2,1)
    „Und Gott chillte“ übersetzt die Volxbibel.
    Interessant dabei ist:
    Die Schöpfung wird nicht am sechsten Tag beendet, sondern am siebten.
    Die Pause gehört unbedingt dazu, erst dann ist die Schöpfung abgeschlossen.
    Gott macht es uns also selbst vor:
    Ohne schlechtes Gewissen die Seele baumeln zu lassen und sich eine Pause zu gönnen.  

     

    „Zeit zum Schaffen und Zeit zum Ausruhen“, könnte man den Predigertext ergänzen, den wir vorhin gehört haben.
    Alles hat seine Zeit.
    Er meint damit eine Zeitspanne – eine bestimmte Zeitdauer.
    Für alles gibt es eine gewisse Zeitspanne, ein Anfang und dann auch wieder ein Ende davon.
    Klagen. Lachen. Lieben. Weinen. Streiten. Herzen. Mit Anfang und Ende.

     

    Pause als Erquickung

    Das trifft sich auch mit der Idee der Pause, die Pause ist ja per definitionem eine Unterbrechung, mit Anfang und Ende.
    Es gibt keine endlosen Pausen.
    Pausen haben einen Anfang und ein Ende.
    Davor ist etwas, in der Pause ist dann etwas anderes dran und danach kommt wieder etwas.
    Alltag – Pause – Alltag.

     

    „Ja, aber…!“, denken jetzt vielleicht manche:
    Dann müsste es ja auch so sein:
    Sorgen – Pausen – Sorgen.
    Meint Jesus: „Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch eine Pause geben – und danach seid ihr wieder mühselig und beladen“?

     

    Einerseits ist das ja eine Erfahrung, die wir immer wieder machen.
    Der Geschwisterstreit kann nicht ohne Weiteres beigelegt werden.
    Die Geldsorgen sind auch nach einem kleinen Auftrag nicht einfach weggeblasen.
    Die Probleme im Township leider Gottes auch nicht.

    Andererseits dämmert mir jetzt, wie treffend die Übersetzung von Luther ist.
    Warum er sich gegen „ich will euch Ruhe geben“, oder „ich will euch eine Pause geben“ entscheidet.
    Er übersetzt: „ich will euch erquicken“.

    Das Wort erquicken hört sich so gar nicht nach Pause und Ruhe an, sondern eher nach quicklebendig, nach keck, nach Energie und Kraft.
    So ist das Wort auch gemeint, seinen Ursprung hat das Wort im mittelhochdeutschen Wort „quicken“, das so viel heißt wie „lebendig machen“, „wieder beleben“.

     

    Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken.
    Ich will euch wieder lebendig machen, wieder beleben.
    Die einen brauchen die Ruhepause um wieder mit mehr Kraft weiter zu machen.
    Für die anderen ist eine ganz andere Pause dran, die vielleicht gar nicht ruhig ist.  
    Eine erquickliche Unterbrechung eben, eine Unterbrechung, die Kraft gibt, die uns ausstattet mit dem, was wir jetzt zum Weitermachen brauchen.

     

    Ich will euch lebendig machen, wieder beleben, sagt Jesus.
    Will euch erquicken.

    Mein Haupt und Glieder, die lagen darnieder.
    Nun aber steh ich, bin munter und fröhlich.
    Schaue den Himmel mit meinem Gesicht.

    (EG 449,1)

    Amen.

  • add Predigt zum 1. Sonntag nach Trinitatis

     

    Predigt zu Apostelgeschichte 4, 32-27

    von Pfarrerin Dr. Susanne Edel

     

    Ein Herz, eine Seele und viele Ideen - Die Gütergemeinschaft der ersten Christen

    Raupe Immersatt

    Im Stuttgarter Westen gibt’s ein besonderes Café - das Café Raupe Immersatt. Viele erinnert der Name an das Bilderbuch von der Raupe Nimmersatt, die frisst und frisst und sich schließlich in einem Konkon verschließt - und am Ende tänzelt ein Schmetterling von Blüte zu Blüte und versetzt in Staunen.

    Das Café Raupe Immersatt versetzt auch in Staunen. Bediene dich! lautet die Devise. Alles Essen ist umsonst. Es gibt das, was anderswo weggeworfen worden wäre - Lebensmittel, die noch gut sind, aber entsorgt worden wären, weil sie nicht mehr verkauft werden konnten. Eine Gruppe von Foodsharing-Engagierten kümmert sich darum, dass das kostbare Essen nicht verschwendet wird. In diesem Café kann man das Essen genießen und sich auch was zu trinken holen. Für die Getränke darf man was zahlen, nicht aber für das Essen.

    Zu schön um wahr zu sein

    Es klingt zu schön um wahr zu sein. So funktioniert die Welt nicht, sagt unsere Lebenserfahrung. Dass alle immer satt sein können - das geht einfach nicht. Dazu scheinen ein paar zu nimmersatt. So ist’s halt in der Welt. Und die verwandelt sich nicht so einfach wie die Raupe zum Schmetterling.

    Doch halt - manchmal passieren doch erstaunliche Verwandlungen in der Welt. Von einer hören wir heute. Kurz nach Pfingsten wurde etwas beobachtet, was nur als Traumwelt denkbar scheint: Menschen, die ganz frisch Christen geworden waren, pflegten einen erstaunlichen Umgang miteinander. Hören wir einen Abschnitt aus dem 4. Kapitel der Apostelgeschichte.

    32 Die Menge der Gläubigen aber war ein Herz und eine Seele; auch nicht einer sagte von seinen Gütern, dass sie sein wären, sondern es war ihnen alles gemeinsam.

    33 Und mit großer Kraft bezeugten die Apostel die Auferstehung des Herrn Jesus, und große Gnade war bei ihnen allen.

    34 Es war auch keiner unter ihnen, der Mangel hatte; denn wer von ihnen Land oder Häuser hatte, verkaufte sie und brachte das Geld für das Verkaufte

    35 und legte es den Aposteln zu Füßen; und man gab einem jeden, was er nötig hatte.

    36 Josef aber, der von den Aposteln Barnabas genannt wurde - das heißt übersetzt: Sohn des Trostes -ein Levit, aus Zypern gebürtig,

    37 der hatte einen Acker und verkaufte ihn und brachte das Geld und legte es den Aposteln zu Füßen.

     

    Keiner hat Mangel

     

    Keiner hat Mangel. Das wäre eine tolle Welt! Vor ein paar Wochen schrieb mir eine Freundin. Ihr gehe es gut - trotz der Sorge, ihren herzkranken Mann könnte das Virus einholen. Sie habe ja alles, was sie brauche. Und noch besser würde es ihr gehen, wenn sie nicht wüsste: es gibt so viele Menschen, denen es jetzt eben nicht gut geht - erst recht anderswo auf der Welt.

    Als ich ihre Zeilen las, dachte ich sofort: Genau, das ist’s! So geht’s mir auch! Das ist die seltsame Unruhe in mir! Ich habe alles, was ich brauche, mein Gehalt fließt als wäre nichts - doch ich weiß genau: bei anderen sieht das anders aus.

    Was hat das mit mir zu tun, wenn ein anderer Mensch Mangel hat? Zu allen Zeiten haben Menschen versucht, dem abzuhelfen - manchmal ganz gegen das, was sich gehörte. Da war die Bäuerin, die dem feindlichen Soldaten einfach was zu essen gab. Da war im Hungerwinter 1846/47 der Bürgermeister, der nicht zusah, wie seine Leute verhungerten. Er erfand einen Schuldschein. Mit ihm konnten seine Bürger das Brotgetreide bezahlen - obwohl die Regierung es nur gegen sofortige Bezahlung hatte ausgeben wollen.

     

    Gewiss tickt nicht jedes Gewissen so. Doch bei der neuen Glaubensrichtung, die da in Jerusalem entstanden war, bei der hieß es: Wenn ein Glied leidet, leiden alle Glieder mit. 

     

    Aber es hat gar kein Glied gelitten. Jedem konnte man geben, was nötig war.  Zu schön, um wahr zu sein.

     

    Kann das wahr sein?

    Ist das so passiert?

    Wir wissen es nicht wirklich.

    Die Erzählung klingt zu schön, um wahr gewesen zu sein. Wie bei anderen Bibeltexten spielt auch hier die Frage: wie war das jetzt genau? nicht die entscheidende Rolle. Wie auch immer es genau zuging bei den ersten Christen - diese Erzählung gehört zu ihnen

    Sie zeigt, wie das praktisch aussehen kann, als Christen miteinander zu leben. Besitz hat, vor allem wenn er groß ist, die Tendenz, Abstand zwischen den Menschen zu schaffen. Doch es gibt etwas Größeres als den Besitz. Die ersten Christen erlebten, dass etwas tief in ihren Herzen und Seelen verankert ist, das sie miteinander verbindet. Es lässt sie ein Herz und eine Seele sein. Sie nennen es die Kraft der Auferstehung. Wer mitgenommen wird von dieser Kraft, der braucht dabei keinen Besitz bei sich zu haben. Kann er auch nicht. Es stimmt ja, dass das letzte Hemd keine Taschen hat.

    Große Gnade sei bei ihnen allen gewesen, heißt es. Keiner musste schauen, dass er nicht zu kurz kommt. Alle hatten genug zum Leben.

     

    Der Glanz des Evangeliums leuchtet hier und da

    Dieses Bild begeistert bis heute. In ihm liegt eine Ahnung von einem Leben, das mehr ist als Fressen und Gefressenwerden. In diesem Leben sind Menschen satt an Leib und Seele und teilen, was sie haben und sind. Sie sind ja innerlich so reich, dass sie sich an Hab und Gut nicht festklammern müssen.

     

    Manches davon haben wir ja tatsächlich umgesetzt in unser Miteinander. Im Prinzip leben wir ja in einem Staat, in dem jede und jeder je nach Einkommen Steuern zahlt und dann allen zugute kommt, was die Gemeinschaft organisiert.

    Auch im Kleineren liegt Manches gar nicht so fern. Jener Bürgermeister im Hungerwinter 1847/48 war Friedrich Wilhelm Raiffeisen. Er hatte die Idee, Genossenschaften zu gründen, die dann Saatgut und Geräte zur Verfügung stellten. Es braucht ja wahrlich nicht jeder Bauer seinen eigenen Mähdrescher. Es muss nur schlau verwaltet werden, was alle haben - damit gleichzeitig auch alle gut auf die Sachen aufpassen.

    Solche Ideen einer Sharing Economy, einer Wirtschaft, bei der Menschen sich Güter teilen, werden zur Zeit wieder modern. Autoteilen. Große Maschinen teilen - auch wenn ich sie beim Baumarkt ausleihen kann, steht dahinter ja der Gedanke, dass wir Vieles gemeinsam nutzen können. Und mir scheint, mit den Nachbarn, mit denen wir Lieder über den Gartenzaun singen und für die wir einkaufen - da ist der Schritt nicht mehr weit dazu, auch über einen gemeinsamen Rasenmäher nachdenken zu können. Ich glaube ohnehin, es passiert viel öfter, dass Menschen den Mangel woanders sehen und stillschweigend handeln. Letztes Jahr hatte ich eine Beerdigung einer Frau aus einem großen Mietshaus, anonym, keine Angehörigen an Bord. Doch dann hörte ich, dass sie im Haus selbstverständlich Mitglied der Hausgemeinschaft war. Immer wieder stellte man ihr Essen vor die Tür. Auch bei den Hausgrillpartys konnte sie einfach mitfeiern - alle wussten ja, dass sie kaum was hatte und gaben einfach etwas ab.  „Wir gehörten doch zusammen,“ sagte die Hausmeisterin. Sie hatte sich extra Urlaub genommen, damit sie mit mir zusammen die Urnenbeisetzung begleiten konnte. „Wir haben einfach zusammengehört“, sagte sie und legte ein wunderschönes Blumengesteck ab.

    Kleine Formen einer Gütergemeinschaft. Auch die materiell schwach gestellte sollte immer satt sein.

    Wie schön, dass der Glanz des Evangeliums sich bis heute in solchen Geschichten spiegelt. Und dass sie fast modern sind.

    Amen

  • add Trinitatis

    Predigt am Sonntag Trinitatis zum Aaronitischen Segen (4. Mose 6,22-27)

    von Prädikant Werner Kemmler

     

    Liebe Gemeinde!

     

    Mister Spock – mehr als ein Weltraumabenteuer

     

    Kennt jemand unter Ihnen dieses Handzeichen?

    Bei mir klappt das leider nur recht mühsam. Ich kann es nur mit der linken Hand. Eigentlich sollte man die Finger der rechten Hand dazu nehmen.

    Vielleicht versuchen Sie es selbst einmal.

    Kleiner Finger und Ringfinger zusammen, Mittelfinger und Zeigefinger zusammen, dazwischen eine Lücke, den Daumen abspreizen.

     

    Fans der Serie Raumschiff Enterprise und von Star Trek werden das Zeichen erkannt haben. Es ist zum Kult geworden. Mit dieser Geste grüßte der Vulkanier Mister Spock schon Ende der Sechziger Jahre auf der Leinwand Captain Kirk, Mr. Checkow, Leutnant Uhura und wie sie alle heißen.

    Aber wahrscheinlich kennen nur die wenigsten unter uns die Geschichte, die sich hinter diesem Zeichen verbirgt.

     

    Es hat mehr mit unserem heutigen Predigttext zu tun, als viele denken.

     

    Wir hören aus dem vierten Buch Mose, Kapitel, 6, die Verse 22 bis 27.

     

    22 Und der HERR redete mit Mose und sprach:

    23 Sage Aaron und seinen Söhnen und sprich: So sollt ihr sagen zu den Israeliten, wenn ihr sie segnet:

    24 Der HERR segne dich und behüte dich;

    25 der HERR lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig;

    26 der HERR hebe sein Angesicht über dich und gebe dir Frieden.

    27 So sollen sie meinen Namen auf die Israeliten legen, dass ich sie segne.

     

    Dieser Segen ist fester Bestandteil unseres Gottesdienstes.
    Für manchen unter uns ist der Zuspruch des Segens sogar das Wichtigste am Kirchgang.

     

    Nur wie passt das jetzt mit einem Fernseh-Märchen zusammen???

     

    Leonard Nimoy alias Mister Spock hat es in einem Interview erzählt. Es lässt sich im Internet auf Youtube finden.

    Leonard Nimoy ist Jude.

    Als Kind begleitete er seine Familie zum Synagogen-Gottesdienst.

    Sein Vater, berichtet Nimoy, hatte ihn ausdrücklich angewiesen, auf keinen Fall Vorbeter und Priester während der Segnung zu beobachten. Als Teil der Zeremonie bedeckt die Gemeinde während des Segens die Augen, schaut auf den Boden - Im Wissen darum, dass Gott selbst in diesen Worten gegenwärtig ist und sein Volk segnet.

    Doch Kinder sind eben sehr neugierig.

    Heimlich schaute Nimoy dann doch zu und wurde Augenzeuge des Segensgrußes.

    Was er gesehen hat, entspricht in der Gestik weitgehend dem Gruß aus der Fernsehserie – nur dass in der Synagoge der Rabbiner beide Hände hochhält und diese sich mit den Daumen berühren.

    Für Nimoy war dies offenbar ein so ergreifender und magischer Moment, dass er ihn durch sein ganzes Leben begleitete. Und Fernsehgeschichte wurde.

    Es ist ein Moment, der auf der ganzen Welt in den Synagogen erlebt wird. Von Jung und Alt. In diesem Segen wird der Bund zwischen Gott und Israel immer wieder neu sichtbar

    Seit mehr als 2.500 Jahren ist das so. Zunächst im Gottesdienst am Tempel in Jerusalem, dann in den Synagogen - bis heute. Und inzwischen zweimal im Jahr wieder an der Western Wall, den Überresten des herodianischen Tempels. 40.000 Jüdinnen und Juden kamen 2019 zur bisher letzten Zusammenkunft und bekamen den Segen zugesprochen.

     

    Genauso war dieses Erleben des Segens aber auch der Moment. in dem Leonard Nimoy gemerkt hat, dass er gemeint ist. Dass der Segen ihm zugesprochen ist - ganz persönlich.

     

     

    Die Kraftfelder des Segens

     

    Es geht eine große Kraft von diesen wenigen Worten aus.

    Ich glaube, das ist auch der Grund, dass wir uns von diesem Zuspruch Gottes so berühren lassen. Als Gemeinde und noch mehr als Glaubende tief in unserer Seele. Und dass sie Juden und Christen so vertraut geworden sind.

    So vertraut sind diese Worte, viele von uns sie wahrscheinlich mitsprechen kann.

    Und mehr noch: Dass wir als Christen innerlich der aufsteigenden Reihe der drei Verse folgen können – immer weiter bis zu dem erlösenden dreifachen Amen am Schluss.

     

    Nur drei Verse sind es.

     

    Der Erste:

    »Der Herr segne dich und behüte dich«.

    Im Hebräischen, der Sprache des Alten Testaments, sind dazu lediglich drei Worte nötig.

    Martin Luther deutete diesen Vers auf Gott als Schöpfer und auf die Güter, mit denen er uns beschenkt.

    Zum Segen gehören ja auch die materiellen Dinge des Lebens, die das Überleben sichern. Und die im besten Fall ein finanziell sorgenfreies Leben ermöglichen.

    Zu Zeiten des Alten Testaments, wie zu Zeiten Luthers - ja auch heute noch in vielen Ländern dieser Erde - ist die Fruchtbarkeit des Bodens dazu die entscheidende Vergleichsgröße. Hierzulande messen wir eher mit Begriffen wie Bruttoinlandsprodukt oder Wohlstandsindex. Selbst in Krisenzeiten.

    Ein zweiter Aspekt scheint mir die Kombination aus gutem Job, Freude am Leben und Gemeinschaft mit anderen Menschen zu sein. Auch dazu haben wir in den Industriestaaten einen modernen Begriff gefunden: die Work-Life-Balance.

     

    Der zweite Vers bringt das Leuchten, den Glanz in unsere Welt und in unser Leben. »Der Herr lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig.«

    Martin Luther deutete diesen Segenswunsch auf Christus und auf die Vergebung der Sünden. Er schreibt in seiner Erklärung zu diesem Vers: »Gott der Herr, erzeige sich dir freundlich und tröstlich, sehe dich nicht sauer an noch zornig, erschrecke dein Herz nicht, sondern lache dich fröhlich und väterlich an, dass du fröhlich und getrost in ihm werdest und eine freudige, herzliche Zuversicht zu ihm habest.«

     

    Und schließlich der dritte Vers.

    Er tröstet uns und ist zugleich Verheißung: »Der Herr hebe sein Angesicht über dich und gebe dir Frieden.« Wem Gottes Angesicht sich zuwendet, der empfängt Vergebung für seine Schuld und darin Frieden.

     

    Drei Verse sind es – ein dreifacher Segen.

    Schutz und Bewahrung. Vollkommenes Glück und vollkommenes Leben.

    Die dreifache Zuwendung Gottes zu den Kindern Israels kommt hier zum Ausdruck. Mehr kann man einem Menschen nicht wünschen.

     

    Segen im Gottesdienst – Christen und Juden

     

    Vor rund 2.600 Jahren fand der dreifache Segen seinen Weg in das vierte Buch Mose.  Es war eine Anweisung an Aaron und seine Nachkommen, also an die Priester Israels. Es verwundert, dass erst Martin Luther den Priestersegen 1523 in den Gottesdienst mit aufgenommen hat. Später, während der Aufklärung, verschwand der aaronitische Segen wieder aus dem christlichen Gottesdienst. Man empfand ihn als zu »jüdisch«. Erst im 19./20. Jahrhundert wurde er in unseren Gottesdiensten fest verankert, und ist für uns heute nicht mehr wegzudenken.

     

    Bei orthodoxen Juden stehen die Worte, die Aaron und seine Nachkommen zu sprechen aufgetragen sind, nicht am Ende des Gottesdienstes, sondern bilden einen zentralen Teil. Ich habe davon zu Beginn erzählt. Leonard Nimoy alias Mister Spock hat solch einen Gottesdienst erlebt. Alle Nachkommen Aarons, alle die aus priesterlichem Hause stammen, versammeln sich dazu vor dem Toraschrein.

     

    Segen – im Leben verankert

     

    Der aaronitische Segen oder Priestersegen, wie er auch genannt wird, besitzt noch eine weitere Seite. Eine Seite, die ich persönlich als sehr bereichernd empfinde. Die dreifachen Segensworte sind nämlich im persönlichen Glaubensleben jüdischer Familien fest verankert. Jeden Freitag segnet der Vater oder auch beide Eltern zu Beginn des Sabbats die Kinder. Ganz im Privaten - in der eigenen Wohnung, im eigenen Haus. Dazu legt man die Hände auf deren Kopf. Mädchen wird gewünscht, dass Gott sie machen möge wie Sara, Rebekka, Rachel und Lea. Jungen, dass Gott sie mache wie Ephraim und Manasse. Danach wird der Priestersegen über Mädchen und Junge gesprochen. „Der Herr segne Dich und behüte Dich. Der Herr lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig; Der Herr erhebe sein Angesicht auf dich und gebe dir Frieden.“ Und das jeden Freitag.

     

    Die Theologin Magdalene Frettlöh hat sich sehr intensiv mit dem Segen beschäftigt. Sie berichtet von einer Frau - wie diese den Segen wahrnimmt und aufgreift. »Manchmal, erzählt diese Frau, „komme ich nur zum Gottesdienst, um am Ende mit dem Segen nach Hause gehen zu können. Wie ein warmer Mantel umhüllen und beschützen mich die Worte vom leuchtenden Angesicht Gottes außerhalb der Kirchenmauern. Und in der letzten Zeit kommt es schon einmal vor, dass ich meinen Enkelkindern einen Segenswunsch mit auf den Schulweg gebe oder über dem frischen Brot ein Segensgebet spreche, bevor ich es anschneide…«.

    Der Segen Gottes, liebe Gemeinde, begleitet uns hinaus ins Leben. In den Alltag. Er begleitet uns in die Situationen, in denen wir gefordert sind, das Notwendige zu tun. Gottes dreifacher Segen begleitet uns aber auch, wo wir einsam sind, uns hilflos fühlen. Er schenkt Kraft und Gelassenheit. Gottes Segen lässt uns aufatmen. Und er gibt uns den Mut, zu dienen. Als Gesegnete werden wir so selbst zum Segen und suchen den Frieden.

    Der Segen Gottes - er ist ein Geschenk, das wirkt und das uns verändert. Jeden Einzelnen von uns.

    Amen.

  • add Pfingstsonntag

    Wie klingt Gott?

    Gebet

    Gott, hier sind wir, die letzten Tage klingen in uns nach.
    Vieles haben wir gehört – in den Nachrichten, am Telefon. Manche Worte sind uns noch genau in Erinnerung, die, die besonders guttaten und die, die schmerzten.
    Manches hätten wir gern gehört, warten schon lange darauf – oder haben es aufgegeben, darauf zu hoffen.

    Gott, hier sind wir – unter deinem freien Himmel. Können wir dich hier hören?

    Beten heißt still werden und warten, bis der Betende Gott hört – so werden wir still vor dir.

    ---

    Amen.

     

    Ansprache zu Apostelgeschichte 2, 1-17

     

    Pfingsten.
    Eines der drei großen Feste im Christentum.

    Gleichzeitig das Fest von den dreien, das am wenigsten greifbar ist. 

    Das liegt vielleicht in der Natur der Sache – von Anfang an war das verwirrend, dieses Pfingsten.

    Das Ereignis, von dem die Bibel erzählt, das Pfingstwunder war schon damals schwer zu begreifen.

    Da sind Menschen zusammen und erleben etwas Sonderbares, erst ein Brausen, das sie hören und richtig spüren.
    Dann werden sie „erfüllt“ vom Heiligen Geist.
    Plötzlich fangen alle an zu sprechen.
    Und dann fangen sie alle an zu reden, alle sagen was.
    Jeder auf seiner Sprache, jede so, wie ihr der Schnabel gewachsen ist.
    Wie soll man das auch begreifen, was da passiert…

    Stellen wir uns den Klangteppich vor, der da entsteht.
    Viele Stimmen, viele Worte, viele Sprachen.
    Ein Gemurmel ohne Ende.
    Und da ist etwas von Gott zu spüren.
    Sein Geist.
    Da klingt Gott.

     

    An Pfingsten will ich nicht viele Worte allein machen – es sollen auch viele andere zu Wort kommen, so wie damals.

    Wie klingt Gott?

    Diese Frage hab ich im Vorfeld auf unserem Instagram-Account veröffentlicht und die Leute, die Instagram haben, aufgefordert, dazu was zu schreiben, und damit Teil der Predigt zu werden.

    Eine Person hat sich getraut!

    Sie schreibt: „Für mich klingt Gott wie Zwitschern der Vögel am Morgen. Wie Blätterrauschen im Wind, wenn es heißt ist. Wie Regentropfen, wenn es still ist und man sonst nichts hören kann.“

     

     

    Wie klingt Gott für Sie?

    (An dieser Stelle werden die Gottesdienstbesucher*innen aufgefordert, ihre eigenen Antworten zu verschriftlichen, die Antworten werden in der Kirche ausgestellt).

     

    Andere Antworten:

     

     Wie das Blubbern meiner Lieblingssuppe.

     

    Wie das Pachelbel-Schema angefangen beim drigestrichenen g auf einem wohltemperierten Klavier.

     

    Wie der tiefe Klang der Kirchenglocke, den der Wind durch die Ecken und Winkel des Dorfes trägt und die Grabsteine streichelt

     

    Wie das lauthalse Lachen meiner Kinder

     

    Wie das kaum hörbare Fallen der Pfingstrosenblüten

     

    Wie: „Guten Morgen, Kaffee ist fertig!“

     

    Wie das Schnurren und Pumpen unserer Katze

     

    Gott klingt so: G S F S SCH W CH H F  - der Geist hilft unserer Schwachheit auf

     

    Wie ein säuselnder Hauch

     

    Wie „Gegen die Strömung“ von Udo Lindenberg

     

    Wie das Rauschen einer alten Eiche in einer lauen Sommernacht

     

    Wie ein Vater, der sagt: Komm rein, zieh deine Schuhe aus! Wie eine Mutter, die sagt: ich bin da!

     

    Für Noah: wie der letzte Tropfen, der auf die Arche fällt, wie das Rummsen des Schiffes auf unbekanntem Fels und wie der Flügelschlag der Taube, die das Olivenbaumblatt bringt...

     

    Wie Musik

     

    Für Maria: der erste Ton ihres neugeborenen Kindes.

     

    Wie die Stille, wenn in mir drin gerade mal für einen Moment Friede ist

     

    Gott klingt gerade gar nicht. Mich schweigt er an.

     

    Wie das Gedicht von Rilke: „Du musst das Leben nicht verstehen“

     

    Für Mose: Wie das Knistern des Dornbusches, der brennt und doch nicht verbrennt.

     

    Für Abraham: wie das Flüstern der Sterne, wie eine Stimme an deren Klang er versteht, was Segen bedeutet und wie das Knirschen des Sandes unter seinen Füßen beim ersten Schritt in eine unbekannte Zukunft...

     

    Wie Johann Sebastian Bach und Mendelssohn

     

    Wie der Uracher Wasserfall

     

    Wie der Schrei einer Eule

  • add Exaudi 24.5.20 Predigt zu Jer 31, 31-34

    Liebe Gemeinde,

    Eine Zeit nach dieser Zeit

    Es kommt eine Zeit nach dieser Zeit… Eine große Sehnsucht liegt in der Luft. Leben nach Corona. Einfach wieder normal. Keine Schutzmasken mehr an Bord. Kein Erschrecken: huch, jetzt hätte ich fast vergessen, Abstand zu halten… Drauflosleben ohne mir groß Gedanken zu machen, was erlaubt ist und was nicht. Was ich mich traue und was nicht.

    Es kommt eine Zeit nach dieser Zeit… Am liebsten hätte ich, dass es dann nicht einfach weitergeht wie vorher. Dass Neues entsteht, das weiterführt als das Alte. Weil wir gelernt haben, worauf es ankommt. Und weil uns Herzensanliegen geworden ist, was Gefährdete brauchen. Halbherzigkeit adieu!

    Es kommt eine Zeit nach dieser Zeit, so fängt unser Predigttext heute an. Ich lese: Jeremia 31, 31-34.

    Bund für’s Leben

    Jeremia weckt Hoffnung: Ja, es wird nicht weitergehen wie bisher. Es wird Neues kommen. Was ist neu?

    Ein neuer Bund. Auf das Wort „Bund“ stoßen wir etwa bei einer Hochzeit. Da wird zwischen zwei Partnern der Ehebund befestigt. Man nennt Deutschland auch die Bundesrepublik und die Tabelle der Fussballvereine Bundesliga. Es gibt einen Gewerkschafts-Bund. Die große Organisation für nachhaltige Entwicklung und Umweltschutz hat das Wort sogar mit vier großen Buchstaben gewählt: BUND. Der Begriff Bund bezeichnet einen Zusammenschluss von Menschen. Sie verbindet ein bestimmtes Merkmal miteinander.

    In solchen Bünden unterwegs zu sein, ist anspruchsvoll. Ganz unterschiedliche Perspektiven kommen da zusammen - und jeder versucht sich durchzusetzen. Es braucht Spielregeln, wie man sich abstimmt untereinander, damit keiner unter den Tisch fällt.

    In der Bibel geht’s um einen Bund besonderer Art, um die Verbindung des ewigen Gottes mit uns vielseitig bedrohten Lebewesen. Mit „Vater Abraham“ hat Gott vor Urzeiten einen „ewigen Bund“ geschlossen (Gen. 17,7), einen Beistandspakt sondergleichen. Von da an geht es los. In diesem Beistandspakt steht bei Gott die Tür immer offen. Dieser Zusammenschluss zwischen Gott und Mensch gilt ewig. Auch Paulus hat von diesem ewigen Bund geredet und entdeckt: Der Gott Abrahams ist nicht allein Gott für Juden, sondern seit Jesus ist Gott für alle Menschen!  

    Auch dieser Bund zwischen Gott und Menschen ist dynamisch. Wie sollte auch eine göttliche Perspektive und eine menschliche einfach so zusammenpassen. Gott ist ja ganz anders als wir - nicht einfach eine Person aber auch nicht weniger als eine Person. Auf vielen Kanälen macht er sich bemerkbar - und immer sind unsere menschlichen zu eng um ihn ganz zu erfassen. Deshalb gibt es Streit darum, wie Gott zu verstehen ist. Und es gibt auch hier Spielregeln: - Worte, die Menschen im Glauben an Gott gehört und weitergegeben haben und die vielen anderen eingeleuchtet haben. Dann wurden sie aufgeschrieben und weitererzählt. Es sind Worte, die dazu helfen, das Leben zu bewältigen und dabei aus Gottes Kraft zu schöpfen. Diese Worte zeigen, wie Menschen miteinander klarkommen können und wie wir unseren Bezug zu Gott pflegen können.  Gebote werden diese Worte genannt oder auch Gesetz oder Weisung- Tora heißt das auf Hebräisch. In solchen Worten zeigt Gott, dass ihm ganz viel an uns Menschen liegt und daran, dass wir bewältigen können, was im leben auf uns zukommt. Diese Worte zeigen, wie es geht, Liebe zu üben. Denn dieser Bund zwischen Gott und Menschen lebt aus der Liebe.

    Uralt ist dieser Liebesbund, sagt Jeremia. Und er gilt ewig. Und es kommt eine Zeit, da wird er neu. Wie kann es neben einem ewigen einen neuen Bund geben? Hat der ewige Bund aufgehört, ewig zu sein? Hat Gott davon Abstand genommen, seinem Volk treu zu sein? Bei Jeremia hat sich’s so angefühlt. Alles lief schief. Doch Gott sagt zu denen, die auf die schiefe Bahn geraten sind: „Ich will ihnen ihre Missetat vergeben und ihrer Sünde nimmermehr gedenken“ (V34).

    Ist das das Neue? „Dir sind deine Sünden vergeben!“ hören wir Jesus im Neuen Testament sagen. Neues Testament heißt ja neuer Bund. Immer wieder haben Christen gemeint, sie seien nun die alleinigen neuen Bündnispartner Gottes geworden und das Besondere sei eben die Sündenvergebung. Doch von ihr spricht ja schon Jeremia in dem, was wir Altes Testament nennen. Von Anfang gehört Sündenvergebung zu diesem Gott in der Bibel - denken wir nur daran, wie Gott dem Gauner Jakob segnet oder Josef seinen Brüdern begegnet. Und nie hat Gott seinen Bund mit Israel aufgekündigt.

    Was also ist neu im neuen Bund?

    Es geht bei dem Neuen um unseren Ausstieg. Die Väter haben den Bund gebrochen, sind Gott untreu geworden, sagt Jeremia. Es kommt die Zeit, da passiert das nicht mehr. Da habt ihr einfach Vertrauen zu Gott und Menschen. Und zwar nicht deshalb, weil Gott die Menschen mit Gewalt an sich fesselt. Sondern deshalb, weil die Liebe ins Herz geschrieben ist. Wo ihr einander verletzt habt, nimmt’s Jesus mit in den Himmel und schickt Heilkraft und Versöhnungsenergie. Spielregeln haltet ihr im neuen Bund selbstverständlich ein - weil von Herzen geschieht, was die Regeln gebieten.  Es ist einfach direkt klar, was zum Leben hilft und was schadet. Und keiner will mehr zurück in die angeblich gute alte Zeit. Keiner will mehr aussteigen. Wir sind nicht mehr die, die wir einmal waren. Wir sind die, wie Gott sie gedacht hat.

    Schöne neue Welt

    Gottesdienstblatt umdrehen

    Wie sich das anfühlen kann - dazu habe ich Ihnen eine Karrikatur auf die Rückseite des Gottesdienstblatts gedruckt.

    „Du bist auch nicht mehr, was du mal warst!“ sagt die Raupe vorwurfsvoll zum Schmetterling. Stimmt. Ein Schmetterling lebt ganz anders als eine Raupe. So anders - so viel freier und schwereloser - so wunderschön für unser Auge. Unvorstellbar, dass ein Schmetterling sich zurückverwandeln wollte in eine Raupe!

    Die Karrikatur will ermutigen. Trau dich, das Neue zu leben - so, wie’s dir wirklich entspricht. So wie Gott dich gedacht hat. Hineinverwoben bist du ins große Ganze der Schöpfung. Selbstverständlich da in Gottes weiter Welt. Einzigartig und unverwechselbar. Voller Liebe.

    Eia wär’n wir da. Schön wär’s.

    Erdlinge mit Frischluft

    „Es kommt eine Zeit nach dieser Zeit…“ Die Sehnsucht bleibt. Dieses Neue ist noch nicht einfach da. Dieser neue Bund Gottes, in dem selbstverständlich und von Herzen fließt, was dem Leben guttut, wird auf Erden nie rund um die Uhr einlösbar sein. So frei und unbeschwert und selbstverständlich können wir nicht auf Dauer leben. Unser Bund mit Gott und unsere Bünde mit Menschen brauchen die Auseinandersetzung, was sein und werden soll. Das ist anstrengend. Da schreien wir vorpfingstlich: „Gott, höre unsere Stimme, wenn wir rufen!“

    Gott hört. Sein Geist kommt. Der Geist gehört zum neuen Bund, in dem wir tief innen andere geworden sind. Nicht erst am Sanktnimmerleinstag. Der Geist weht schon. Er lockt uns ins spielerische Ausprobieren, was Neues gehen könnte. Er bringt uns auf Ideen, wie es mit dem Leben weitergehen könnte. Dass wir so viele unterschiedliche Ideen haben, findet er klasse. Das ist ja ein Schatz! Der Widerstand meines Gegenübers kann zum kostbaren Hinweis werden. Und zur besseren Spielregel führen in unseren Bünden.

    Darauf will ich vertrauen. Halbherzigkeit adieu!

    Amen

     

    (Pfarrerin Susanne Edel)

  • add Predigt zu Himmelfahrt 2020 Lk 24, 50-53

    Wir feiern vor großer Kulisse

    An Himmelfahrt zieht’s uns nach draußen. Raus aus den vier Wänden. Den weiten Blick genießen. Körper und Geist weiten Raum geben. Das liegt natürlich an der Jahreszeit. Jetzt ist die Natur einfach am schönsten. Deshalb haben wir im KGR auch entschieden, heute hier draußen zu feiern.

    Hier auf der Höhe unter freiem Himmel sein - da machen wir’s wie Jesus und seine Freunde. Raus auf die Höhe, über uns der Himmel, um uns das blühende Leben. Denn das, was wir heute feiern, passt nicht in eine enge Wohnung. Was wir heute feiern, braucht die ganz große Kulisse: Himmel und Erde.

    Abschied

    Himmelfahrt war ein Abschied. Jesus war ein Gast auf Erde. Und er kehrte wieder heim, zu seinem Vater im Himmel. Seine Tage auf der Erde waren auch nicht wirklich angenehm. Und er war hier nicht wirklich gut gelitten. So viel Abwehr schlug ihm entgegen. Schreckliches musste er erleiden. Wenige waren ihm wirklich zugetan. Wenige nur boten ihm Herberge. Nun ist er fort.

    Wir kennen das auch. Wenn ein Gast, der eine Zeitlang da war, wieder abreist, dann begleiten wir ihn manchmal ein Stück. Vielleicht bis zum Bahnhof. Oder auch nur ein paar Schritte vors Haus. Der Abschied soll nicht so abrupt sein.

    Und wenn der Gast dann wirklich weg ist und man ihn gerngehabt hat, dann bleibt so eine eigenartige Leere zurück. Manche Menschen fühlen sich sogar wie in ein Loch gefallen.

    Wie im Himmel, so auf Erden

    An Himmelfahrt war es nicht so. Die, die Jesus entschwinden sahen, fingen an zu singen. Keine Begräbnislieder, auch nicht: „Nehmt Abschied, Brüder…“ Sondern Lobgesänge.

    Wie kommt das? Ich glaube, sie haben etwas ganz tief verstanden, was sie schon länger wussten, aber halt so, wie man etwas auswändig lernt und dann hersagen kann. Ich meine das Gebet, das sie von Jesus gelernt haben. Diesen einen Satz darin: „Dein Wille geschehe, wie im Himmel so auf Erden.“ Der Satz kommt auch uns ganz selbstverständlich über die Lippen. Darin steckt aber etwas Unerhörtes: Auf Erden soll es zugehen wie im Himmel? Wie geht das?

    Jesus ist gen Himmel aufgefahren. Ja, er hat den ganzen Jammer des irdischen Lebens hinter sich. Er ist wieder daheim. Und er hat all die Erfahrungen, die er als Mensch unter Menschen gemacht hat, mitgenommen in den Himmel. All den Jammer, dem er begegnet ist. Und auch all das Leid, das ihm selbst widerfahren ist.

    Und dort ist das alles an höchster Stelle. Wir Menschen denken ja manchmal, wenn wir in großer Not sind, das interessiert niemanden. Da muss ich allein durch. Oder: jetzt ist es halt so. Kann man nichts machen. So bleiben die Gedanken und Hoffnungen eingesperrt in den eigenen vier Wänden und drehen sich immer nur im Kreis.

    Ein Fürsprecher im Himmel

    Jesus hat seine Jünger erst einmal herausgeführt ins Weite. Und dann hat er ihren inneren Blick geweitet. Und ihnen gesagt: Vertraut auf mich. Ich bin nicht davongelaufen vor all dem, was euch am Herzen liegt und euer Leben mühselig macht. Sondern ich trete für euch ein. Ich bin euer Fürsprecher. Ich kenne euch und ich kenne euer Leben und ich lege ein gutes Wort für euch ein. An höchster Stelle kümmere ich mich um euch. Vertraut mir.

    So vieles auf unserer Erde geht nicht nach Gottes Willen. So viel Böses plagt die Menschheit. Kriege und immer wieder die Gefahr neuer Kriege. So viel Unfrieden unter Menschen, die eigentlich zusammengehören. So viel Raffgier mit unlauteren Mitteln. Man könnte meinen, Gott kümmere das alles nicht.

    Doch unser Glaube gibt immer wieder Anstoß, es anders zu sehen. Christus ist aufgefahren in den Himmel. Er legt dort ein gutes Wort für uns ein. Er ist dort, damit der große Friede, der im Himmel herrscht, Fuß fasst auch auf der Erde.

    Er braucht uns dafür. Er braucht Menschen, die, soviel an ihnen liegt, begreifen, was Gottes Wille für die Menschheit ist. Er braucht Menschen, die den Mut haben, Gottes Wille im eigenen Leben gelten zu lassen. Jesus Christus, der zur Rechten Gottes sitzt, hilft uns dabei. Dafür ist er aufgefahren in den Himmel.

    Amen

     

    (Pfarrerin Susanne Edel)

  • add Predigt zum Sonntag Rogate 2020, Mt 6, 5-15

    Kostbarer Bet-Raum

    Liebe Gemeinde,

    es bewegt mich, dass wir ausgerechnet am Sonntag Rogate nach langer Pause wieder in der Kirche Gottesdienst feiern. Denn Gottesdienst ist in seinem Kern Gebet. Sich in Gottes Nähe halten – das ist Gebet, und das vollziehen wir im Gottesdienst. Wir halten uns mit unserem kleinen Leben und dieser ganzen Welt Gott hin. Gott und Mensch mögen in Passung miteinander kommen, so beten wir und sagen: „dein Reich komme, dein Wille geschehe – wie im Himmel so auf Erden.“  Hoffnung bringt uns zum Beten. Wir hoffen, dass Gott und Mensch zusammenfinden und in Passung miteinander treten. Der Gottesdienst gibt dafür Raum.

    Doch halt – hat Jesus nicht mal gesagt, das Gebet gehöre ins stille Kämmerlein? Genau dies ist der Predigttext heute und ich lese zunächst den ersten Teil dieses Textes aus der Bergpredigt im 6. Kapitel des Matthäusevangeliums vor.

    Predigttext: Mt 6,5-8 Beten aus der Stille

    5 Und wenn ihr betet, sollt ihr nicht sein wie die Heuchler, die gern in den Synagogen und an den Straßenecken stehen und beten, um sich vor den Leuten zu zeigen. Wahrlich, ich sage euch: Sie haben ihren Lohn schon gehabt. 6 Wenn du aber betest, so geh in dein Kämmerlein und schließ die Tür zu und bete zu deinem Vater, der im Verborgenen ist; und dein Vater, der in das Verborgene sieht, wird dir's vergelten. 7 Und wenn ihr betet, sollt ihr nicht viel plappern wie die Heiden; denn sie meinen, sie werden erhört, wenn sie viele Worte machen. 8 Darum sollt ihr ihnen nicht gleichen. Denn euer Vater weiß, was ihr bedürft, bevor ihr ihn bittet.

    Ins stille Kämmerlein lädt Jesus zum Beten ein. Ist das Gebet eine intime Sache? Interessant ist, dass Maler sehr zurückhaltend waren und sind, Menschen im Gebet darzustellen. Noch Dürers bekannte Darstellung der betenden Hände ist ja eher ein Symbol. Sie sehen diese Bild auf dem Gottesdienstblatt. Es fand und findet sich in manchem Schlafzimmer - und verweist auch dort darauf: was wir brauchen und wünschen, das bleibt gern verborgen. Mit unserem Schmerz und dem, was uns traurig macht, sind wir gern allein. Wir hängen’s nicht an die große Glocke - und wenn sich daraus Gebetsworte formen, so passen sie ins Stille Kämmerlein. Hier kann ich plappern, wie mir der Schnabel gewachsen ist – und muss doch nicht einmal Worte formen. Denn sich still in Gottes Nähe halten - das heißt schon beten.

    Glockenklang durchs Fenster

    Eigentlich ist das berühmte Bild von Albrecht Dürer eine Vorstudie für die Hände eines Apostels in einem großen Altarbild der Dominikanerkirche Frankfurt. Doch dieses ging im 18. Jahrhundert bei einem Großbrand verloren. Hinter der Zeichnung von Albrecht Dürer könnte einer Überlieferung zufolge eine besondere Geschichte stehen: demnach hat Albrecht Dürer hier die Hände seines Bruders Albert gezeichnet. Die beiden Brüder hatten beide den Traum, Kunst zu studieren – doch das Familieneinkommen für 18 Kinder gab dies unmöglich her. Die beiden verabredeten, dass einer im Bergwerk arbeiten und das Studium des anderen finanzieren sollte. Albrecht gewann, und Albert hielt Wort. Als Albrecht nach vier Jahren bereits berühmt geworden wieder nach Hause kam, bedankte er sich bei Albert und wollte nun diesem das Studium finanzieren. Doch der zeigte ihm seine schwieligen Bergmannhände und machte deutlich: Mit diesen Händen konnte er keine Pinsel mehr führen. Zu sehr waren sie gezeichnet von Knochenbrüchen und Gelenkentzündung.  Albrecht malte ehrfurchtsvoll und dankbar die Hände seines Bruders – und machte sie zu den Händen des anbetenden Apostels.

    Sie sind für uns zum Symbol geworden für’s Beten im Stillen Kämmerlein. Doch noch im Stillen Kämmerlein verweisen sie darauf, dass wir beim Beten nicht aus uns selbst und unseren Worten und Gedanken und Fragen und Wünschen schöpfen müssen. Auch dort sind wir verbunden mit anderen Menschen, die beten. Die betenden Hände verweisen auf den Apostel, der das Evangelium in die Welt trägt. Die Kirchenglocken lassen wir schallen, damit sie bis ins Stille Kämmerlein tönen und zum Beten einladen - nicht zuletzt beim Vater Unser.

    Hören wir die Fortsetzung unseres Predigttextes.

    Predigttext II: Mt 6, 8-15 Das Gemeindegebet

    8 Darum sollt ihr ihnen nicht gleichen. Denn euer Vater weiß, was ihr bedürft, bevor ihr ihn bittet. 9 Darum sollt ihr so beten: Unser Vater im Himmel! Dein Name werde geheiligt. 10 Dein Reich komme. Dein Wille geschehe wie im Himmel so auf Erden. 11 Unser tägliches Brot gib uns heute. 12 Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern. 13 Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen. [Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen.] 14 Denn wenn ihr den Menschen ihre Verfehlungen vergebt, so wird euch euer himmlischer Vater auch vergeben. 15 Wenn ihr aber den Menschen nicht vergebt, so wird euch euer Vater eure Verfehlungen auch nicht vergeben. 

    Vater Unser beten wir. Jetzt sind wir wieder im Miteinander-Beten angekommen. Hier gibt’s Rückhalt für das private Beten. Den braucht es. Im  stillen Kämmerlein kann uns auch die Decke auf den Kopf fallen und die Verzweiflung ins Unermessliche wachsen. Ich fürchte, auch das gab’s und gibt’s in diesen Tagen hinter manch verschlossener Tür.

    Wie gut, das Gemeindegebet nun auch wieder als Gottesdienstgemeinde zu beten. Es liegt eine Kraft darin miteinander zu beten. Wir suchen die Passung zwischen Gott und uns. Im kostbaren Gebets-Raum passiert sie wie von selbst. Gott kommt uns längst entgegen – und wir tragen einander, ohne etwas zu tun. Nicht mal wissen müssen wir, was die andere bewegt und was den anderen umtreibt. Miteinander beten ist schon einander mittragen. 

    Unpassendes

    Doch in diesem Gebets-Raum meldet sich plötzlich zu Wort, was nicht passt. Was wir schuldig bleiben. Matthäus hängt ans Vater Unser eine einzige Vertiefung an zur Bitte: „Vergib uns unsere Schuld wie auch wir vergeben unsern Schuldigern“. Wie passt das, was belastend zwischen Menschen steht, zum kostbaren Gebets-Raum? Für mich hat das Symbol von Dürers betenden Händen an Kraft gewonnen, seitdem ich darin die Geschichte der beiden Brüder sehe. Albrecht konnte nie die Hände seines Bruders heilen und ihn zum Künstler machen. Doch soweit ich die Geschichte kenne, hat Albert dies seinem Bruder nie nachgetragen. Und auch Albrecht trug diese Verletzung Alberts nicht lebenslang als Bürde mit sich. Er legte diese Last in die Hände des Apostels, der aus der Anbetung Kraft zieht für’s Leben. Für ein Leben mit Lasten, das zugleich aus der Freude schöpft. Das Evangelium gibt Kraft - dafür steht ja ein Apostel. Ich stelle mir vor, dass Albrecht seinen Bruder finanziell unterstützt hat. Im Matthäusevangelium schließt die Passage über’s Beten direkt ans Almosengeben an. Im Passungsraum zwischen Gott und Mensch nehmen wir wahr, wer Hilfe braucht.

    Im Verborgenen da

    Vater Unser. Ein letzter Gedanke: Was bedeutet es eigentlich: bete zu deinem Vater, der im Verborgenen ist!? Merkwürdig. Eltern braucht es doch präsent und sichtbar! Den himmlischen Vater markiert offenbar gerade das Verborgen-Sein. Er ist Gott. Er ist präsent - aber unsere Augen können ihn nicht sehen, unser Verstand ihn nicht fassen. Er geht über das hinaus, was Vater und Mutter sein können.

    Und doch ist Gott ansprechbar. Abba, Vater - so spricht Jesus Gott an. Mama, Mutter – so dürfen wir auch sagen zu dem Gott, der tröstet wie einen eine Mutter tröstet. Als wäre Gott eine Person. Gott ist nicht eine Person, aber er ist nicht weniger als eine Person, so sagt es der Theologe Paul Tillich. Gott ist mehr und anders als ein irdischer Vater oder eine irdische Mutter, die für Bitten ansprechbar sind - aber weniger ist Gott erst recht nicht. Verborgen ist uns das Mehr und das Anders. Doch weniger als eine Person ist Gott nicht. Als Person lässt Gott sich ansprechen. Und auch wenn er verborgen ist, wissen wir klipp und klar: Gott tut Menschen gut! Jesus hat das Wesen Gottes offengelegt. An ihm sehen wir, was passiert, wenn Gott uns guttut.

    Schön, dass wir das jetzt wieder miteinander in unseren Gottesdiensten anschauen und im Gebet dafür danken und darum bitten können.

    Amen 

     

    (Pfarrerin Susanne Edel)

  • add Ansprache zu 2. Chronik 5, 2-15: Einweihung des Tempels

    Einweihung des Tempels (2. Chronik 5, 2-15)

    2 Da versammelte Salomo alle Ältesten Israels, alle Häupter der Stämme und die Fürsten der Sippen Israels in Jerusalem, damit sie die Lade des Bundes des Herrn hinaufbrächten aus der Stadt Davids, das ist Zion. 3 Und es versammelten sich beim König alle Männer Israels zum Fest, das im siebenten Monat ist. 4 Und es kamen alle Ältesten Israels, und die Leviten hoben die Lade auf 5 und brachten sie hinauf samt der Stiftshütte und allem heiligen Gerät, das in der Stiftshütte war; es brachten sie hinauf die Priester und Leviten. 6 Aber der König Salomo und die ganze Gemeinde Israel, die bei ihm vor der Lade versammelt war, opferten Schafe und Rinder, so viel, dass es niemand zählen noch berechnen konnte. 7 So brachten die Priester die Lade des Bundes des Herrn an ihre Stätte, in den innersten Raum des Hauses, in das Allerheiligste, unter die Flügel der Cherubim, 8 dass die Cherubim ihre Flügel ausbreiteten über die Stätte der Lade. Und die Cherubim bedeckten die Lade und ihre Stangen von oben her. 9 Die Stangen aber waren so lang, dass man ihre Enden vor dem Allerheiligsten sah, aber von außen sah man sie nicht. Und sie war dort bis auf diesen Tag. 10 Und es war nichts in der Lade außer den zwei Tafeln, die Mose am Horeb hineingelegt hatte, die Tafeln des Bundes, den der Herr mit Israel geschlossen hatte, als sie aus Ägypten zogen. 11 Und die Priester gingen heraus aus dem Heiligtum – denn alle Priester, die sich eingefunden hatten, hatten sich geheiligt, ohne dass man auf die Abteilungen geachtet hätte –, 12 und alle Leviten, die Sänger waren, nämlich Asaf, Heman und Jedutun und ihre Söhne und Brüder, angetan mit feiner Leinwand, standen östlich vom Altar mit Zimbeln, Psaltern und Harfen und bei ihnen hundertzwanzig Priester, die mit Trompeten bliesen. 13 Und es war, als wäre es einer, der trompetete und sänge, als hörte man eine Stimme loben und danken dem Herrn. Und als sich die Stimme der Trompeten, Zimbeln und Saitenspiele erhob und man den Herrn lobte: »Er ist gütig, und seine Barmherzigkeit währt ewig«, da wurde das Haus erfüllt mit einer Wolke, als das Haus des Herrn, 14 sodass die Priester nicht zum Dienst hinzutreten konnten wegen der Wolke; denn die Herrlichkeit des Herrn erfüllte das Haus Gottes.

     

     

    Der Predigttext, der für heute vorgesehen ist, erzählt eine ziemlich lustige Geschichte, die ich ehrlich gesagt noch gar nicht kannte.

    Nachdem die Israeliten jahrzehntelang durch die Wüste gegangen waren, haben sie jetzt einen Tempel fertig gebaut.

    Endlich einen gescheiten Ort für ihre Treffen. Endlich ein angemessenes Zuhause für ihren Gott.

    Dann wird ein rauschendes Fest zur Tempeleinweihung vorbereitet:

    120 Priester waren da – stellt euch das mal vor!

    Wieviele Personen waren dann wohl insgesamt im Tempel?

    120 Trompeten wurden gespielt – wie laut das gewesen sein muss! Da können selbst unsere tollen Jungbläser und unser großer Posaunenchor einstecken…

    Tausend besondere Dinge wurden vorbereitet, geschmückt, organisiert…


    Und dann passiert etwas, das alle Pläne durchkreuzt:

    Gott erscheint, und zwar in einer dicken, fetten Wolke.

    Er lässt sich nieder im Tempel als diese Wolke

    – und die Priester konnten dann nichts mehr tun, sie konnten den Gottesdienst nicht mehr weiterfeiern, weil sie einfach nicht an dieser Wolke vorbei kamen.

     

    Die Bibel hat also doch Humor, was für eine lustige Vorstellung, dass Gott sich da einfach reinpflanzt, den Weg versperrt und alle Pläne durchkreuzt.

    Und was für ein Zufall, dass die Geschichte gerade heute gepredigt werden soll.

    Wo wir auch viel organisiert haben für ein rauschendes Fest, uns gefreut haben, ihr euch gefreut habt auf eure Konfirmation, die heute und gestern gewesen wäre.

    Und auch bei uns wurden die Pläne ganz schön durchkreuzt.

     

     

    Ich will nicht sagen: Gott hat die Pläne durchkreuzt.

    Ich fände es schwierig zu sagen: Gott hat Corona geschickt.

    Ich glaube nicht an einen Gott, der Pandemien zu seinen geliebten Menschen schickt.

    Aber ich glaube an einen Gott, der dick und fett da ist, wenn Pläne durchkreuzt werden.

    Der Platz nimmt, mitten unter uns und auch nicht mehr geht.

    Anders ausgedrückt: Gott ist da, gerade, wenn alles anders kommt.

    Und mehr noch: Gott kann sogar aus dem Übelsten Gutes entstehen lassen.

    Gott kann aus üblen Dingen Gutes entstehen lassen.

    „Was könnte in der Coronazeit auch an Gutem entstehen?“ Ihr Konfis habt euch das gefragt, und dazu kleine Plakate gemacht.

    Was könnte in der Corona-Zeit auch an Gutem entstehen?

    Zum Beispiel:

    -        Das Klima wird besser

    -        Dass die Menschen in diesen Zeiten mehr zusammenhalten

    -        Mehr Zeit zum Organisieren der Konfirmation

    -        …

    Was fällt Ihnen ein?

     

    Die Plakate liegen in der Kirche aus, schauen Sie mal rein, die Kirche ist tagsüber immer geöffnet.

    Wenn Sie selbst was dazu schreiben wollen, gern! Stifte und Papier liegen in der Kirche aus.

  • add Lesepredigt Kirchentellinsfurt für den Sonntag Jubilate, 3. Mai 2020


    Liebe Leserinnen, liebe Leser,

    Es singt und jubelt überall

    „Jubilate!“ heißt der heutige Sonntag im Kirchenjahr - jubelt! Auch und gerade in diesem Frühling kommt’s mir so vor als würde die Erde jubeln. So viel frisches Grün haben die Bäume getrieben - und das, obwohl es so lange nicht geregnet hatte. Als könnte ihr Lebenssaft gar nicht versiegen. Jetzt jubeln wir, weil wieder Regen gefallen ist und fällt - und wir hoffen, es wird genug werden in diesem (Früh-)Jahr.

    Natürlich wird im Kirchenjahr der Jubel angestimmt, weil wir nach wie vor österlich-freudig unterwegs sind. Der Tod kann uns nichts anhaben - er ist besiegt, so der Tenor der Ostergesänge. Der Lebenssaft Gottes versiegt nie!

    Manchmal verschlägt’s einem die Sprache

    Doch ganz so triumphal kommt’s uns nicht immer über die Lippen. Einem hat’s die Sprache verschlagen, als sein Vater keine 200 km entfernt vor ein paar Tagen mit Covid-19-Erkrankung gestorben ist. Eine andere trauert um die Nachbarin, die ihren Kampf gegen den Krebs mit gerade mal 50 Jahren verloren hat. Der Tod kann uns halt doch viel anhaben. Den eigenen Tod sterben bleibt herausfordernd. Und mit dem Tod der anderen zu leben, erst recht. Wie soll er denn da strömen, jener göttliche Lebenssaft, der nie versiegt?

    Für diesen Sonntag gibt’s einen Predigttext, der erstmal auch nicht jubel-tauglich klingt. Er findet sich am Anfang des 15. Kapitels im Johannesevangelium. Da sagt Jesus:

    „Ich bin der wahre Weinstock, und mein Vater der Weingärtner. Eine jede Rebe an mir, die keine Frucht bringt, wird er wegnehmen; und eine jede, die Frucht bringt, wird er reinigen, damit sie mehr Frucht bringt. Ihr seid schon rein um des Wortes willen, das ich zu euch geredet habe.

    Bleibt in mir und ich in euch! Wie die Rebe keine Frucht bringen kann aus sich selbst, wenn sie nicht am Weinstock bleibt, so auch ihr nicht, wenn ihr nicht in mir bleibt.

    Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht; denn ohne mich könnt ihr nichts tun… Wie mich mein Vater liebt, so liebe ich euch auch. Bleibt in meiner Liebe!“

     

    Einschnitte ins Leben

    In unseren Obstgarten am Haus haben wir uns dieses Jahr mal wieder einen professionellen Baumschneider geholt. Er hat unglaublich viel von unseren alten Apfel- und Birnbäumen weggeschnitten! Zuerst bin ich erschrocken. Doch dann war ich überrascht, wie viele Blüten die paar übriggebliebenen Zweige hervorgebracht haben. Wenn Früchte daraus reifen dürfen, werden es viele sein.

    Als Jugendliche hat uns ein Weingärtner mal vorgeführt, wie viel er von einer Weinrebe übriglässt - besser gesagt: wie wenig. Der Seminarleiter damals hat gesagt: so wird Gott unser Leben beschneiden, damit wir Frucht bringen können. Das Bild ist mir lange nachgegangen. Es hat mir nicht gutgetan. Immer dachte ich darüber nach, ob Gott mein Leben gefällt oder ob ich dies oder jenes nicht eher „abschneiden“ sollte, damit ich Gott dienen kann.

    Jetzt ist das Leben im Fluss

    Eine solche Textauslegung passt nicht zum Jubeln. Also schlechte Textwahl für den Sonntag Jubilate? Doch halt - fast lapidar sagt Jesus da: „Ihr seid schon rein!“ Das wäre ja wirklich ein Grund zum Jubeln: Gott schaut auf mein Leben und sagt: Was für eine wunderbare Rebe, die da wächst! Dann hätte die Weinrebe den Schnitt schon hinter sich -sowohl, was die dürren als auch was die ins Kraut schießenden Teile angeht. Dann wäre ich zur Mitfreude eingeladen. Der Blick auf das Abgeschnittene wäre ein Blick zurück - und nichts, was heute drohend über meinem Leben schweben würde oder ich gar selbst zu vollziehen hätte.

    Ist das gemeint?

    Wenn ich zurückschaue auf meine sechs Lebensjahrzehnte, dann sehe ich bestimmte Wege, die ich nicht weiterverfolgt habe. Und ich sehe manch schmerzlichen Einschnitt in meinem Leben. Was wäre gewesen, wenn es die nicht gäbe? Keine Frage: ich bin, die ich bin nur mit all dem Schmerzlichen, das zu meinem Leben gehört.

    Noch etwas sehe ich: „In wie viel Not hat nicht der gnädige Gott über mir Flügel gebreitet.“ (Gesangbuch Nr. 317,3) Da war einer in Kontakt mit mir - mittendrin. Es gab Worte, die einer mit mir sprach - auch und gerade dort, wo’s mir die Sprache verschlagen hatte.  „Ihr seid schon rein um des Wortes willen, das ich zu euch geredet habe“, sagt Jesus. Dann wäre ich Rebe am Weinstock, indem Gott mit mir im Gespräch bleibt - und ich mit ihm. „Bleibt in mir!“ würde dann schlicht heißen: Bewahrt diese Worte - und bewegt sie in euren Herzen.

    Zuspruch

    Auf dem Altar in der Martinskirche gibt es zur Zeit Kärtchen mit Bibelworten. Vielleicht mögen auch Sie sich davon an ein Bibelwort erinnern lassen. Vielleicht gibt es auch Worte, die Sie ohnehin begleiten. „Kommt her zu mir, die ihr mühselig und beladen seid - ich will euch erquicken!“ ist so ein Wort, das mich schon durch manche Krise begleitet hat (Matthäus 11,28).

    Und Jesus ist ja selbst das Wort, das Fleisch wurde. Da braucht’s nicht immer konkrete Worte. Es ist genug, mir vorzustellen, dass Jesus mich liebevoll anschaut in allem, was ist. Wenn ich mich davon „treiben lasse“, dann spüre ich etwas davon, „Rebe“ zu sein am Weinstock.

    Und so staune ich über das frische Grün und freu mich daran. Es erinnert mich: Ich kann mich darauf verlassen, dass Gott in mir wirkt und das gute Werk, das er in mir angefangen hat, auch zum guten Ende bringen wird - wie knorpelig mir mein Leben auch gerade erscheint.

    Philipp Spitta hat gedichtet (Gesangbuch 406,1): Du bist meines Lebens Leben, meiner Seele Trieb und Kraft, wie der Weinstock seinen Reben zuströmt Kraft und Lebenssaft.  

    Mögen Sie dieses Lebenselixier spüren in diesen Tagen und Wochen!

    Ihre Pfarrerin Dr. Susanne Edel

  • add Gedanken zu Psalm 23, am Hirtensonntag Misericordias Domini, 26. April 2020

    Von Pfarrerin Cordula Modrack

     

    Kaum ein Bibeltext ist so bekannt wie der Psalm 23. Generationen von Menschen haben ihn auswendig gelernt.

    Der HERR ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln.
    Er weidet mich auf einer grünen Aue und führet mich zum frischen Wasser.
    Er erquicket meine Seele.
    Er führet mich auf rechter Straße um seines Namens willen.
    Und ob ich schon wanderte im finstern Tal, fürchte ich kein Unglück;
    denn du bist bei mir, dein Stecken und Stab trösten mich.
    Du bereitest vor mir einen Tisch im Angesicht meiner Feinde.
    Du salbest mein Haupt mit Öl und schenkest mir voll ein.

    Gutes und Barmherzigkeit werden mir folgen mein Leben lang,
    und ich werde bleiben im Hause des HERRN immerdar.

    Einige Gedanken zu diesem Psalm – nicht nur für Corona-Zeiten.

     

    Der Herr ist mein Hirte.

    Gott ist mein Hirte. Hirte, das waren damals viele.
    David, der diesen Psalm geschrieben hat vor 3000 Jahren, war selbst Hirtensohn.
    Er kannte das und wusste, wie es ist, Hirte zu sein.
    Ein Hirte muss seine Schafe gut im Blick haben.
    Er muss geeignete Wiesen für sie finden und frisches Wasser, das sie trinken können.
    Er muss sie auf den Wegen zwischen den einzelnen Wiesen, gut führen, damit kein Schaf sich verletzt oder verloren geht.
    Und er muss seine Schafe vor Gefahren schützen, vor den wilden Tieren zum Beispiel.

    David stellt sich Gott als so einen Hirten vor, als einen guten Hirten.


    Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln.

    Gott ist ein Gott, der alles gibt, was seine Menschen zum Leben brauchen: mir wird nichts mangeln.
    Er versorgt mich mit dem, was ich dringend brauche – zum Beispiel Essen und Trinken, das sind die grünen Auen und das frische Wasser: Er weidet mich auf einer grünen Aue und führte mich zum frischen Wasser.

     

    Und dann geht es weiter mit:
    Er erquicket meine Seele und führet mich auf rechter Straße um seines Namens willen.

    Er hat auch einen Blick dafür, was meine Seele braucht: er erquicket meine Seele, also er stärkt die Seele.

     

    Er kennt den richtigen Weg für mich, er führt mich auf rechter Straße.

    Wie ein Hirte, der mit den Schafen unterwegs ist, ist Gott mit uns Menschen unterwegs.
    Und auf diesem Weg, auf dem Lebensweg eines jeden Menschen, gibt es auch die dunklen Täler und Abgründe.
    Die unerfüllten Wünsche.
    Die Ängste.
    Das, worüber man nicht reden kann.
    Die Rückschläge.
    Krankheit.
    Und Schmerz.

     

    Und ob ich schon wanderte im finsteren Tal, fürchte ich kein Unglück. Denn du bist bei mir.

    „Du bist bei mir“, das ist zentral.
    Und zwar ganz wörtlich: „Du bist bei mir“ bildet die Mitte des Psalms.
    Es ist das Zentrum, das worum es dem Beter vor allem geht:
    Auf allen Wegen, auf den saftigen Auen und in den tiefen Tälern: Gott ist da.
    Er ist dabei. Du bist bei mir.

     

    Dein Stecken und Stab trösten mich, so geht es weiter.
    Stecken und Stab – wofür stehen die eigentlich?
    So ein Stab ist etwas, worauf man sich stützen kann.
    Der verhindert, dass wir den Halt unter den Füßen verlieren.

    Der Stab in der Hirtenhand Gottes heißt: Gott steht zu dir.

    Er kommt nicht ins Wanken.

    Er bleibt ganz sicher an deiner Seite.

    Dein Stecken und Stab trösten mich.

     

     

    Und danach ändert sich etwas im Psalm.

    Jetzt stellt sich David Gott nicht mehr als Hirten vor, der mit auf dem Weg ist.

    Du bereitest vor mir einen Tisch, heißt es jetzt.

    Jetzt ist Gott ein Gastgeber.

    Er lädt ein in sein Haus.

    Hier ist ein Tisch gedeckt, du bist willkommen. 
    Setz dich. Ruh dich aus.
    Das Unterwegssein ist zu Ende.
    Du bist angekommen.
    Der Tisch ist gedeckt, es ist alles da, was du brauchst:
    Für deinen Leib und deine Seele.

     

    Hier bist du gut aufgehoben.

    Hier sitzt du als der Mensch mit deiner Biographie, mit dem, was dein Lebensweg an saftigen, grünen Wiesen bereit gehalten hat – und auch an tiefen Tälern.

    Hier ist das Vergangene nicht einfach vergessen.

    Das Gute nicht, aber auch das Schwere nicht.
    Du bereitest vor mir einen Tisch im Angesicht meiner Feinde.

    Hier sitzt du sogar im Angesicht deiner Feinde.
    Dem direkt gegenüber, was schwer war.
    Da sitzen Menschen.
    Da sitzt Krankheit.
    Da sitzen Verluste.
    Da sitzt der Tod.
    Da sitzt alles Bedrückende deines Lebenswegs. 

    Aber da ist auch Gott.

    Dein Gastgeber.

    Er beschützt dich davor, dass die Feinde über den Tisch nach dir greifen.
    Du siehst sie an, deine Feinde, aber sie können dir nichts mehr tun.
    Der Gastgeber sorgt dafür, Gott beschützt dich.

    Er ist bei dir. Das ist zentral.

     

    Gott bereitet ein Festmahl und er hat einen Ehrengast:
    Du salbest mein Haupt mit Öl und schenkest mir voll ein.

    Das Haupt mit Öl salben, das war zu der Zeit ein Ausdruck tiefster Ehrerbietung und Anerkennung, voller Wertschätzung. Ein Gott, der das Haupt mit Öl salbt, zeigt dir:
    Du bist kostbar.
    Du bist wertvoll.
    Ich will dir nahe sein.

    Ich schenke dir voll ein, ich will dir im Überfluss geben, was du brauchst.
    Du bist mir willkommen.
    Ich mache ein Festmahl, weil ich mich über dich freue.

     

    Am Ende staunt der Beter des Psalms.
    Auf seinem Lebensweg hat er gemerkt, dass ihm immer wieder Gutes und Barmherziges auf den Fersen ist.
    Gutes und Barmherzigkeit werden mir folgen mein Leben lang.

     

    Jetzt ist der Beter angekommen, er hat Heimat gefunden. 
    Er ist angekommen im Hause des Herrn, bei dem großen Festmahl. Er bleibt dort, er wohnt jetzt dort.

    Und ich werde bleiben im Hause des Herrn immerdar.

     

    Ich wünsche Ihnen Heimat im Hause des Herrn! Gott ist bei Ihnen.

     

     

  • add Lesepredigt Kirchentellinsfurt zum Sonntag nach Ostern, 19. April 2020

    Liebe Leserinnen und Leser,

     

    langsam reicht es. Ich bin es satt. Lange genug schon leben wir im Ausnahmezustand mit dem merkwürdigen Abstandhalten voneinander. Jetzt könnte doch alles wieder normal werden, finde ich. Woher die Energie nehmen zum Weitermachen?

    Immerhin: die kleinen Läden dürfen wieder öffnen. Jetzt kann ich den kaputt gegangenen Schneebesen leicht wieder ersetzen. Das ist schonmal was. Doch die Bedrohung bleibt. Dieser kleine Virus kann jederzeit mich selbst oder Menschen, die mir wichtig sind, attackieren. Noch monatelang. „Ich halte das nicht mehr aus!“ hat Marlene vor ein paar Tagen weinend in mein Telefon geschluchzt. Sie leidet sowieso unter einer Angststörung. Woher soll jetzt die Kraft kommen, das auszuhalten? Müde an Leib und Seele ist sie.

     

    Wie von einem anderen Stern erreichen uns als Predigttext Worte vom Propheten Jesaja (Jes 40, 26-31):

    „Hebet eure Augen in die Höhe und seht! Wer hat dies geschaffen? Gott führt ihr Heer vollzählig heraus und ruft sie alle mit Namen; seine Macht und starke Kraft ist so groß, dass nicht eins von ihnen fehlt.

    Warum sprichst du denn, Jakob, und du, Israel, sagst: ‚Mein Weg ist dem HERRN verborgen, und mein Recht geht vor meinem Gott vorüber?‘

    Weißt du nicht? Hast du nicht gehört? Der HERR, der ewige Gott, der die Enden der Erde geschaffen hat, wird nicht müde noch matt, sein Verstand ist unausforschlich. Er gibt den Müden Kraft, und Stärke genug den Unvermögenden. Männer werden müde und matt, und Jünglinge straucheln und fallen; aber die auf den HERRN harren, kriegen neue Kraft, dass sie auffahren mit Flügeln wie Adler, dass sie laufen und nicht matt werden, dass sie wandeln und nicht müde werden.

     

    Hallo, du, Susanne! sagt da einer. Hallo, du, Jakob! Hallo, du, N.N.! Ha-lo steht da wirklich auf Hebräisch. Das ist kein: „Hallo, geht’s noch?“ Das ist so, wie ich zu der jungen Frau am Telefon gesagt habe: „Ach, Marlene, du hast’s gerade so schwer und bist so allein!“ Mit Namen spricht da einer an und sieht, was sonst niemand sieht. „Kennt auch dich, und hat dich lieb!“, so haben wir’s früher unseren Kindern abends am Bett zugesungen mit dem Lied: „Weißt du wieviel Sternlein stehen?“ (Nr. 511 im Ev. Gesangbuch) Schön für Kinder und Eltern, sich vorzustellen, dass da ein Gott ist, der ihren Namen kennt. Und die Sterne zählt, die wir so wunderbar am Himmel funkeln sehen.

    Und was glaube ich hier und heute? Unser Schicksal steht in den Sternen, glauben manche. Ach was weiß ich, sagen andere. Gott steht hinter allem, was passiert, formuliert der Glaube an Gott den Schöpfer des Himmels und der Erde. Doch wie genau? Und was bedeutet das, wenn Gott auch mit dem Schlimmen zu tun hat, das passiert?

    Du bist auch nicht allein, wenn das Leben zu Bruch geht, Jakob! sagt dieser Gott. Du verstehst den Sinn nicht - doch manchmal kannst du im Gebrochenen Christus entdecken. Und mit ihm so etwas wie Sinn. Oft nicht schon, während du mit beiden Ohren mittendrin steckst. Manchmal dann, wenn du zurückschaust - nach Monaten, nach Jahren. Und manchmal gar nicht, solange du lebst. Doch wenn der fernste Stern vom einen Ende des Weltalls zum anderen zehn Milliarden Jahre braucht - in Lichtgeschwindigkeit! -, bis das Licht dort ankommt (ein Sonnenstrahl braucht gerade mal acht Lichtminuten von der Sonne zu meinem Gesicht) - dann kann es schon sein, dass mein Verstand zu klein ist, die Gedanken Gottes zu verstehen.

     

    Genauso erstaunlich ist es, wenn ein Mensch müde ist an Leib und Seele - und dann bekommt er doch wieder Kraft. Und noch erstaunlicher: Müde können Müde stärken!

     

    Im Sommer 2017 ist so etwas passiert. Da wurden zwei „Kleine Schwestern Jesu“ - eine christliche Lebensgemeinschaft - nach Sizilien geschickt. Sie kamen an den Hafen von Catania. Minderjährige Geflüchtete wurden dort empfangen. Was können wir ihnen schon geben und was soll das alles werden?, dachten die beiden Frauen. Auf dem Boot der Küstenwache waren 400 Menschen. Unter ihnen Jaques von der Elfenbeinküste. Drei Jahre war er auf der Flucht. Mit 16 Jahren betritt er nun europäischen Boden. Unendlich müde. Zu viel hat er erlebt und erlitten. Als er vom Boot steigt, ist alles, was er noch besitzt, die Hose und das T-Shirt, die er am Leib trägt. Vom Roten Kreuz bekommt er Sandalen, einen Beutel mit Zahncreme und Seife, eine Flasche Wasser und ein belegtes Brötchen.

    Die Jugendlichen setzen sich auf den Steinboden. Manche schlafen sofort ein. Eine Schwester setzt sich dazu. Ein Lächeln, ein erstes Wort. Englisch, Französisch. Jaques wickelt sein Brötchen aus dem Papier. Seine Arme und Beine sind voller Narben. Er beginnt zu essen. Mit einem Mal schaut er die Schwester an. Er sagt: „Du hast ja gar nichts!“ Und er bricht sein Brot und reicht der Schwester die Hälfte.

    Wer stärkt hier wen in seiner Müdigkeit?

    „Er gibt den Müden Kraft und Stärke genug den Unvermögenden!“

     

    Möge Gott Euch, möge er Ihnen mitten in dieser merkwürdigen Corona-Zeit seine Kraft schenken!                                                           Ihre/Deine Pfarrerin Dr. Susanne Edel

  • add Predigt zu Ostersonntag, 12. April 2020

    Der erste Ostersonntag

    Markus 16, 1-15

    161 Und als der Sabbat vergangen war, kauften Maria Magdalena und Maria, die Mutter des Jakobus, und Salome wohlriechende Öle, um hinzugehen und ihn zu salben. Und sie kamen zum Grab am ersten Tag der Woche, sehr früh, als die Sonne aufging. Und sie sprachen untereinander: Wer wälzt uns den Stein von des Grabes Tür? Und sie sahen hin und wurden gewahr, dass der Stein weggewälzt war; denn er war sehr groß. Und sie gingen hinein in das Grab und sahen einen Jüngling zur rechten Hand sitzen, der hatte ein langes weißes Gewand an, und sie entsetzten sich. Er aber sprach zu ihnen: Entsetzt euch nicht! Ihr sucht Jesus von Nazareth, den Gekreuzigten. Er ist auferstanden, er ist nicht hier. Siehe da die Stätte, wo sie ihn hinlegten. Geht aber hin und sagt seinen Jüngern und Petrus, dass er vor euch hingeht nach Galiläa; da werdet ihr ihn sehen, wie er euch gesagt hat. Und sie gingen hinaus und flohen von dem Grab; denn Zittern und Entsetzen hatte sie ergriffen. Und sie sagten niemand etwas; denn sie fürchteten sich.

    Als aber Jesus auferstanden war früh am ersten Tag der Woche, erschien er zuerst Maria Magdalena, von der er sieben Dämonen ausgetrieben hatte. Und sie ging hin und verkündete es denen, die mit ihm gewesen waren, die da Leid trugen und weinten. Und als diese hörten, dass er lebe und ihr erschienen sei, glaubten sie nicht. Danach offenbarte er sich in anderer Gestalt zweien von ihnen unterwegs, als sie aufs Feld gingen. Und die gingen auch hin und verkündeten es den andern. Aber auch denen glaubten sie nicht. Zuletzt, als die Elf zu Tisch saßen, offenbarte er sich ihnen und schalt ihren Unglauben und ihres Herzens Härte, dass sie nicht geglaubt hatten denen, die ihn gesehen hatten als Auferstandenen. Und er sprach zu ihnen: Gehet hin in alle Welt und predigt das Evangelium aller Kreatur.

    Normalerweise wären heute viele Menschen in der schönen Martinskirche hier in Kirchentellinsfurt.
    Zu den Gottesdiensten am Ostersonntag.
    Und zum gemeinsamen Osterfrühstück im Kirchenraum.
    Dieses Jahr ist die Kirche leer.

     

    Dieses Jahr sind die meisten Menschen an Ostern zu Hause.

    Ostern ist trotzdem!

    Viele Leute in Kirchentellinsfurt haben diese Postkarte als Ostergruß bekommen.

    „Ostern ist trotzdem“ steht da drauf.

    Und im Hintergrund ist ein Balken und ein Kreis zu sehen. 

    Was hab´ ich mir mit dieser Grafik gedacht?

    Das ist nämlich eine kleine Bildergeschichte.


    Das erste Bild

    Der Balken ist einer der Balken vom Kreuz, an das Jesus gekreuzigt wurde.

    Als er gestorben war, wurde er begraben, ein dicker Stein war vor seinem Grab – der Stein ist dieser Kreis.

    Das erste Bild zeigt also: Jesus ist am Kreuz gestorben und wurde begraben.

    Es steht für die Verzweiflung und Trauer seiner Freunde, für den Abschied und den Tod.

     

    Für das zweite Bild muss man die Karte kippen, also horizontal, liegend betrachten.

    Jetzt ist der Balken die Grabkammer von Jesus.

    Gräber wurden zurzeit Jesu längs in einen Hügel hinein gebaut und mit einem schweren Stein verschlossen.

    Wenn man die Grafik so betrachtet sieht man: Zwischen Grab und Stein ist ein Spalt.  Der Stein verschließt das Grab nicht mehr ganz.

    Das sehen die Frauen, die am Ostermorgen Richtung Grab laufen um den Leichnam Jesu zu salben, so steht es in der Bibel. Der Stein verschließt das Grab nicht mehr.

    „Was ist denn hier passiert? Warum ist der Stein weggerollt?“

    Das zweite Bild steht für die Hoffnung, die jetzt bei ihnen aufkeimt: Kann es sein, dass das noch nicht alles war?

     

    Was die Frauen und die ganzen Freunde von Jesus dann erleben, stellt alles auf den Kopf. (Karte kopfüber betrachten!)

    Auf dem dritten Bild sieht man einen Menschen: Kopf, und Körper, ganz aufrecht – stehend – der Auferstandene.

    So begegnet Jesus seinen Freunden dann.

    Die Lebendigkeit in Person.

    Dieses dritte Bild steht für die Auferstehung, für Lebendigkeit.

     

     

    Und was hat das mit uns zu tun?

    Ich erlebe, besonders in diesen Zeiten: Eine ganze Menge hat das mit uns zu tun.

     

    Das erste Bild, das Bild zu Verzweiflung, zu Abschied und Tod.

    In diesem besonderen Jahr vermisse ich manche Menschen besonders.

    Die, die ich nicht wie geplant sehen darf.

    Die, die gestorben sind, und die mir an Festen immer besonders fehlen.

    In diesen Wochen mache ich mir um einige Menschen echt große Sorgen.

    Und ich bekomme Angst vor dem Tod, der uns gerade näherkommt.

    Abschied, Tod, Verzweiflung – hier fühle ich mich den Freunden von Jesus besonders verbunden.

     

    Das zweite Bild, das Bild zur Hoffnung.

    Viele hoffen ja gerade auf die Zeit nach Corona.

    Sehnen sich danach, wenn wieder normale Zustände herrschen und leben darauf hin.

    Ich freue mich, wenn sich Türen wie der Stein vor dem Grab öffnen und ich wieder in andere Wohnungen gehen darf.

    Ich freue mich auf den Tag, wenn ich viele Menschen endlich wiedersehen kann, nicht mehr auf Abstand gehen muss.

    Ich hoffe nicht nur auf ein Leben nach Corona.

    Ich hoffe auch darauf, dass mit dem Tod nicht alles vorbei ist – so wie die Frauen das hoffen, als sie zum Grab kommen.

     

    Und jetzt kommt das dritte Bild.

    Das Bild mit dem Auferstandenen, das für Lebendigkeit steht. 

    Wie die Kinder jetzt auf Ostereiersuche gehen, will ich auf die Suche nach dem suchen, wo mir der Auferstandene begegnet, wo ich das Leben, die Lebendigkeit pur erlebe.

    Zum Beispiel in manchen Kontakten, die gerade lebendiger werden – trotz Kontaktverbot.

    Ich erlebe, dass sich viele Menschen gerade jetzt viele Gedanken machen über Sinn, über den Glauben – und der Glaube dadurch an Tiefe gewinnt, wieder wichtiger wird – trotz vieler Fragezeichen. 

    Das passt für mich zum dritten Bild, da ist was lebendig, trotz allem.

    Trotzdem! Trotz dem, was alles in diesem Jahr durcheinandergeraten (Schrift!) und eben nicht normal ist.

     

    Oster ist nie das „normalerweise“.

    Ostern ist trotzdem.

    Ausrufezeichen!

     

     

    Gesegnete Ostern!

     

    Pfarrerin Cordula Modrack

  • add Lesepredigt zu Karfreitag, 10.4.2020

    Teile dieser Predigt finden Sie auf dieser homepage auch als Videoclip.

    Liebe Leserin, lieber Leser, liebe Kirchentellinsfurter,

    Fragend vor dem Kreuz

    Karfreitag bleibt für mich Jahr für Jahr das große Fragezeichen. Aus der Grundschule habe ich die Frage noch im Ohr: „Warum ist Jesus gestorben?“ Ein anderes Kind antwortete darauf wie aus der Pistole geschossen: „Jesus ist für unsere Sünden gestorben!“ Als ginge es darum, eine Frage im Bibelquiz zu beantworten.

    Als ich selbst Kind war, war ich immer furchtbar traurig, wenn in der Kinderkirche erzählt wurde, wie Jesus gestorben ist. Ich hatte Jesus liebgewonnen. Ich war sehr traurig, dass er so gruselig gestorben ist und kämpfte mit den Tränen. Auch als ich längst wusste, wie’s mit der Auferstehung weitergeht, war und blieb ich traurig. Gott hätte eine andere Idee haben sollen, wie das mit der Sündenvergebung funktionieren kann! So richtig leuchtete mir das ohnehin nicht ein…

    Inzwischen musste ich manche schreckliche und viel zu frühe Tode geliebter Menschen erleben. Dabei kam mir die Frage von Jesus an Karfreitag sehr nahe: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Wo ist Gott, wenn Schreckliches passiert? Wo ist er jetzt, wenn eine Lunge durch den Coronavirus so zerstört ist, dass ein Mensch fernab seiner Angehörigen stirbt - und dann erst wenn das in armen Ländern mit miserabler Gesundheitsversorgung passiert? Was soll das alles?

    Fragen über Fragen rund um den Karfreitag.

    Was für Fragen sind das? Ich glaube, Rätselfragen wäre die falsche Gattung. Ich ahne Fragen, die an ein Geheimnis rühren. Da gibt’s kein Rätsel aufzulösen. Niemals kann erklärt werden, wieso ein schrecklicher Tod sein musste.

    Versöhnt leben mit den Fragen?

    Bei Jesus kann ich historisch erklären, was damals lief zwischen römischer Besatzungsmacht und religiöser Verwaltung im Land. Ich kann in der Bibel suchen, wie die ersten Christen den Tod Jesu gedeutet haben. „Von Gott her liegt ein Sinn darin“, sagen sie: „Gott hat sich zu Tode geliebt. Wen dies berührt, der kann neu in die Liebe finden.“

    Der Apostel Paulus sagt es im Predigttext (2. Korinther 5, 19-21) zum heutigen Karfreitag so:

    „Gott war in Christus und versöhnte die Welt mit sich selber und rechnete ihnen ihre Sünden nicht zu und hat unter uns aufgerichtet das Wort von der Versöhnung…. So bitten wir nun an Christi Statt: Lasst euch versöhnen mit Gott.“

    Schauen wir einen Moment auf Jesus am Kreuz und stellen wir uns vor: das aufgerichtete Kreuz ist das Wort von der Versöhnung. Jesus bittet uns vom Kreuz her: Lasst euch versöhnen mit Gott!

    Wie soll ich mir das vorstellen: versöhnt sein mit Gott?

    Ich ertappe mich oft dabei, wie ich mich aufrege über das, was jetzt wieder ist. In Kleinigkeiten: Dass mein Mann nicht sofort kapiert hat, was ich meine - ich hab’s doch gesagt... Dass es anders läuft als ich geplant hatte - meine Vorbereitung war für die Katz. Oder auch im Großen: Ich wünsche mir so sehr, dass Gott sich klarer zeigt. Könnte er nicht dafür sorgen, dass es so was Schreckliches wie diesen Corona-Viren nicht gäbe? Und dass es in der Welt nur noch liebevoll zugeht? Oder dass wenigstens die, die an ihn glauben, liebevoll leben? Das wär doch was: eine Kirche, die Gottes Liebe ausstrahlt. Und ich sehne mich wie als Kind danach, dass Gott einen anderen Weg gewählt hätte, seine Liebe ewig gültig zu machen als Jesus Folter und Kreuzestod auszusetzen.

    „Lass dich versöhnen mit Gott!“ ruft Jesus mir zu. Gar nicht so einfach, wenn ich mich so danach sehne, dass es im Leben einfach anders zuginge, liebevoller, gerechter, und Schlimmes nicht passiert.  So gerne würde ich ganz und immer im Vertrauen bleiben, dass es in Gott einen Sinn gibt, den ich nur nicht sehen kann.

    Könnte alles nicht einfacher sein?

    Dass es im Leben einfach liebevoller zuginge. Ich ahne auch hier, dass die Frage: Warum kann Gott nicht einfach alles sichtbar zum Guten wenden? nicht einfach eine Rätselfrage ist, für die es eine schlaue Lösung gibt. Eine Rätsellösung könnte ja sein: Gott steuert mich und alle Leute so, wie es gut ist. Doch als Marionette am Faden eines Spielers hängen - so stellt sich Gott uns Menschen nicht vor - und ich auch nicht. Oder ich beachte einfach, was Gott sagt, seine Gebote und so. Funktioniert nicht, sagt die Erfahrung der Menschheit. Das Problem ist mein misstrauisches Herz. „Ins Herz will ich euch mein Gebot schreiben, das ist mein neuer Bund mit euch!“ sagt Gott laut dem Propheten Jeremia (Jer 31,31ff). Gott setzt darauf, dass mein misstrauisches Herz sich wandelt und lädt uns ein, das im Abendmahl einfach zu feiern - dadurch, dass er sich hingibt. Jesus fällt noch am Kreuz nicht aus der Liebe. Es gibt für ihn keinen einzigen Punkt, an dem sein Blick nicht liebevoll auf mich fällt. „Du darfst sein, wie du jetzt bist! Und die anderen dürfen sein, wie sie sind. Vertraue dir und ihnen - und geh mit dem um, was dir wehtut und was dich freut“ sagt er zu mir. „Von dort aus geht es mit mir weiter!“

    Das Problem ist nur: ich selbst zweifle. Ich bin längst nicht einfach mit mir versöhnt. Und mit dem, was andere tun und wie es in der Welt zugeht, schon gar nicht. Ich bin nicht mit der Welt versöhnt.

    „Vertraue darauf: ich kann aus dem Bösesten Gutes entstehen lassen!“ ruft Jesus mir zu. „Lass dir alle Dinge zum Besten dienen!“

    Ich höre Jesu Bitte und komme ins Nachdenken. Und ich staune, dass Gott meine Freiheit so viel wert ist, dass er sich ganz und gar hingibt, damit ich von Herzen lieben kann. Was für ein großes Geheimnis!

    Am Kreuz aushalten

    Und so versuche ich, am Karfreitag am Kreuz zu stehen und diesen Tod mit auszuhalten. Dass Jesus so schrecklich gestorben ist, bleibt mir Geheimnis. Eigentlich bleiben mir Zeit und Umstand jedes Todes geheimnisvoll. Mir scheint, mit menschlichem Verstand ist dieses Geheimnis nie zu lüften. Doch irgendwie tröstet es mich trotzdem, Jesus am Kreuz zu sehen. Ich spüre dabei etwas von seiner Liebe bis in den Tod. Und welche Versöhnungskraft darin liegt, wenn Jesus am Kreuz betet: „Vater vergib ihnen - denn sie wissen nicht, was sie tun!“ (Lk 23,34)

    Jedes Jahr spricht der Karfreitag anders zu mir. Dieses Jahr bringe ich all die offenen Fragen mit, welcher Sinn in dieser Coronakrise liegen mag. Ich merke: es ist gut, die Fragen ans Kreuz zu tragen und heutige Schreie „Gott, hast du uns verlassen?“ mitzubringen. Und dann schweige ich und warte, dass es Ostern wird.

    Ihre Pfarrerin Dr. Susanne Edel

  • add Predigt zum Palmsonntag, 5. April 2020

    KOSTBAR IST DER MOMENT

     

    „Kennst du das? Man besitzt etwas Kostbares und will es für einen besonderen Moment aufheben? Die Zeit ist jetzt! Nimm das Kostbare und genieße es!“

     

    Unsere Konfirmand*innen sind enttäuscht: Ihr Konfirmation musste verschoben werden. Wann das Fest, auf das sie sich gefreut haben, stattfinden wird, ist unklar.
    Wann sie all die Menschen, die sie dazu eingeladen haben, wiedersehen werden, wissen sie nicht.
    Und ob dann das Kleid und das Hemd, das schon im Schrank hängt, noch passt?

    Auch der Konfi-Unterricht fällt aus – aber wir haben trotzdem Kontakt.
    Alle 1-2 Tage kriegen die Konfirmand*innen von mir „Challenges“ zugeschickt, also Herausforderungen, denen sie sich stellen sollen. 
    Letzten Freitag lautete die „Challenge“ wie oben beschrieben. Nimm das Kostbare und genieße es. Heb es nicht länger auf!


    Die nächste Aufgabe lautete: „Eine Frau hat die letzte Challenge auch durchgeführt. Vor 2000 Jahren schon! Was hat sie gemacht? Lies Markus 14, 3-9.“

    Das ist nämlich der Predigttext, der für Palmsonntag vorgesehen ist:

    Und als Jesus in Betanien war im Hause Simons des Aussätzigen und saß zu Tisch, da kam eine Frau, die hatte ein Alabastergefäß mit unverfälschtem, kostbarem Nardenöl, und sie zerbrach das Gefäß und goss das Öl auf sein Haupt. Da wurden einige unwillig und sprachen untereinander: Was soll diese Vergeudung des Salböls? Man hätte dieses Öl für mehr als dreihundert Silbergroschen verkaufen können und das Geld den Armen geben. Und sie fuhren sie an. Jesus aber sprach: Lasst sie! Was bekümmert ihr sie? Sie hat ein gutes Werk an mir getan. Denn ihr habt allezeit Arme bei euch, und wenn ihr wollt, könnt ihr ihnen Gutes tun; mich aber habt ihr nicht allezeit. Sie hat getan, was sie konnte; sie hat meinen Leib im Voraus gesalbt zu meinem Begräbnis. Wahrlich, ich sage euch: Wo das Evangelium gepredigt wird in der ganzen Welt, da wird man auch das sagen zu ihrem Gedächtnis, was sie getan hat.

    Markus 14,3-9

    Die Frau nimmt den Flacon mit dem kostbaren Öl. Sie tupft das Öl nicht, nein sie gießt (!) es auf Jesu Kopf.
    Sie berührt Jesus und massiert das Öl ein.
    Wohltuender Duft breitet sich aus.

    Verschwendung!“, denken und sagen manche. Aber für die Frau ist klar: Jetzt ist der besondere Moment, für den ich dieses Öl aufbewahrt habe.

    Es gibt ein schönes Lied, das von dieser Geschichte handelt. „Kostbar war der Moment als sie das Haus betrat, das Salböl in den Händen, um Liebe zu verschwenden“ heißt es in der ersten Strophe.

    Warum war der Frau der Moment so kostbar, dass sie ihr teuerstes Öl verwendete? In der Erzählung wird sie nicht einmal mit Namen genannt, sehr nah scheint sie Jesus also nicht gestanden zu haben.
    Jesus gibt uns in der Erzählung einen Hinweis: „Die Frau hat meinen Leib im Voraus gesalbt zu meinem Begräbnis.“ Es ist klar: Jesus wird nicht mehr lang leben. Es bleibt nicht mehr viel Zeit, ihm etwas Gutes zu tun. Für die Frau zögert deshalb nicht.
    Kostbar war der Moment, als sie mit leichtem Gang die Mauer der Bedenken durchschritt um Trost zu schenken“, beginnt die zweite Strophe.

    Für mich passt diese Geschichte genau in die diesjährige Passionszeit hinein.
    Hätte ich das Stück Kuchen bei meinem letzten Besuch in meinem Lieblingscafé doch gegessen – Fastenzeit hin oder her! Wäre ich mit dem Konflikt doch entspannter umgegangen, jetzt ist die Stimmung getrübt zwischen uns und wer weiß, wann wir uns wieder sehen werden! Hätte ich den geplanten Besuch bei der Freundin doch nicht abgesagt, jetzt ist sie so allein. Und wäre ich doch nochmal zu meiner Großmutter ins Heim gefahren und hätte ihr kostbares Öl auf der Stirn einmassiert.

    Ich lerne von der Frau aus der Erzählung in dieser außergewöhnlichen Zeit, dass ich Kostbares nicht mehr ständig aufschieben möchte.

    Momentan werden mir ungeahnte Dinge kostbar, die ich dann ganz bewusst genieße: der Gruß über die Straße, der kurze Plausch über den Gartenzaun hinweg. Die Fotos, die auf dem Handy eintrudeln und der virtuelle Weinabend mit Freunden.

    Lebenszeichen voller Hoffnung.
    Und die Gewissheit, dass wir dann, wenn alles vorbei ist, miteinander feiern werden. Und genießen, genießen, genießen. Nach Corona. Und dereinst nach dem Tod.

     

    Pfarrerin Cordula Modrack

     

    Das Lied „Kostbar war der Moment“, Text: Ilona Schmitz-Jeromin, Melodie: Hans-Stephan Simon befindet sich im Liederbuch: Wo wir dich loben, wachsen neue Lieder plus unter der Nummer 168.

  • add Sonntagspredigt Sonntag "Judika" 29. März 2020

    Liebe Leserinnen und Leser,

    Ich habe Fragen

    „Wo führt das alles hin?“

    Ja, das wüsste ich gern. Manche Moderatoren nerven mich mit der Frage: „Und wie geht es weiter, wenn alles vorbei ist?“ Das weiß jetzt ja einfach niemand. Zur Zeit geht es wohl nur so: Tag für Tag schauen, was heute dran ist und jetzt hilft.

    Dabei müssen wir auf Vieles verzichten, was normalerweise zu unserem Leben gehört.

    Unser Planet atmet auf. Endlich kaum Flugzeuge und Kreuzfahrschiffe. Viel weniger Verkehr auf den Straßen. Delfine vor italienischen Häfen. Und Menschen, die Augen dafür haben. Zeit zu staunen, dass die Osterglocken nicht erfrieren in den kalten Nächten.

    Dann wieder bange Fragen. Werden wir „danach“ wieder Gewohntes unter den Füßen haben? Wie lange geht das alles? Und kommen erst noch Horrorzustände in den Krankenhäusern auf uns zu wie in Italien und jetzt auch ganz nah im Elsaß? Damit das nicht geschieht, halte ich gerne Abstand.

     „Ach, Gott, wo führt das alles hin? Und was sagt uns das alles? Willst DU uns etwas sagen mit dem allem?“ Mein Glaube tastet sich entlang der Tage und Nächte.

    „Der Glaube ist etwas ganz Einfaches“, hat Frère Roger Schütz aus der Kommunität Taizé mal gesagt. „Glaube ist wie ein Schritt, den wir tausendfach von neuem tun, immer wieder neu.“ Jetzt also neu glauben lernen in Zeiten von Corona. Und dazu der

     

    Bibeltext für Predigten zum Sonntag, 29.3.2020 aus Hebräer 13,12-14:

    Jesus hat, damit er das Volk heilige durch sein eigenes Blut, gelitten draußen vor dem Tor. So lasst uns nun zu ihm hinausgehen vor das Lager und seine Schmach tragen. Denn wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.“

     

    Außen vor

    Manchmal ist auf einmal alles anders. Plötzlich ist der Partner nicht mehr da. Oder die Nachricht: „Ja, es ist Krebs.“ Oder schwarz auf weiß die Aussage: „Sie sind entlassen!“ Plötzlich bin ich außen vor, laufe durch die Shoppingmeile als wäre das alles eine andere Welt.

    Jetzt ist für alle alles anders. Auf einmal sind alle außen vor. Ich erkenne die Stadt nicht wieder. Fast alles ist ins Wanken gekommen. Und jetzt?

    Heimat

    Der Mensch braucht Wurzeln. Er braucht Heimat. Er will wissen, wohin er gehört. Er braucht vertraute Abläufe. Je weitläufiger die Welt wird, desto mehr sehnt er sich nach Heimat. Sehnsucht nach Ankommen, Bleiben. Heimatbücher haben Konjunktur.

    Nur, feste Häuser schaffen ein Problem. Sie lehren das Festhalten. Feste Häuser werden zu Lagern. Man will unter sich sein. Milieugebundene Stadtteile entstehen. Im Lager entsteht eine Lagermentalität. Die Schriftgelehrten und Hohepriester bilden ein Lager. Man definiert sich über Zugehörigkeit zum Lager. Wir erleben das in diesen Tagen auf andere Weise. Es dürfen nur in Kontakt sein, die miteinander leben in einer Familie oder Wohngemeinschaft. Wir spüren, wie kostbar es ist, jemanden zu haben, der bei mir ist. Umso schwerer für die Alleinstehenden oder die Familie, in der die Konflikte schon lange schwelen. Aber ebenso stark ist die Sehnsucht, endlich wieder Kontakt nach draußen zu haben, zu den anderen. Das feste Haus ist verunsichert. 

    Herausbewegen – das ist Jesu Existenz

    Ein festes Haus gibt es nur im Glauben. Jesu Existenz ist das Heraustreten, so wie das lateinische Wort „Existenz“ zu übersetzen ist. Ex-sistere. Herausstellen, sich herausbewegen. Er bricht den Lagergedanken auf. Die ihn verurteilen und draußen vor den Toren der Stadt töten, wissen gar nicht, dass der Ort außerhalb der Stadtmauer genau seinem Wesen entspricht. Sie wollen ihn behandeln wie ein Tier-Opfer im Tempel, das seinen Dienst getan hat und draußen vor dem Tor durch Verbrennen entsorgt wird.

    Nein, er ist die ganze Zeit seines Wirkens aus den Gewohnheiten herausgetreten. Er gab auf, sein Recht zu behaupten. Er verzichtet auf Besitz. Er setzt die Beziehung zu Gott höher als zu Mutter und Geschwistern. Er hat Menschen nie fest genagelt.

    Außen vor treffe ich auf ihn. Auch jetzt? Lässt sich in dem, was gerade Tag für Tag auf uns zu-kommt, Jesus entdecken?

    Jesus kommt von außen auf uns zu - auch jetzt

    Die Corona-Krise ist auf uns zugekommen. Was immer ich mir ausgemalt hatte, was in diesem Jahr auf mich zu-kommt - so sah es nicht aus!. Aber ist Zu-kunft überhaupt die Verlängerung von dem, was wir uns heute vorstellen und einzuspuren versuchen? Oder oft viel mehr das, was auf uns zu-kommt? Zu-kunft als An-kunft von etwas, das größer ist als ich. Ad-vent heißt das auf Lateinisch. Und wir erzählen: In dem, was kommt, zeigt sich Jesus. Ihn können wir ansprechen!

    Ich habe in meinem Büro Zettel mit Namen von an Corona-Erkrankten oder sonstwie Belasteten. Sie liegen bei dem kleinen Kreuz auf der Fensterbank. (Gerne nehme ich Namen entgegen!). Ich berge sie an Jesu Kreuz. Ach ja, die Leidenden lagen Jesus immer besonders nah am Herzen. Zurzeit sind die Gefährdeten in aller Munde: Ihretwegen und weil es für sie Beatmungsgeräte geben soll - deshalb bleiben wir ja zu Hause! Und ganze Gesellschaften akzeptieren das! „Ja, wir wollen leben MIT euch, bei denen die Krankheit schlimm verlaufen kann! Wir wollen nicht riskieren, dass ihr sterben müsst! Ihr seid uns kostbar!“ sagen wir damit. Waren sie nicht bisher hie und da außen vor in unserem Tagesgetriebe? Jetzt sind sie der Mittelpunkt, um den herum wir unser Leben auf den Kopf stellen. Ich glaube, da zeigt sich Jesus.

    Und ich sehe ihn auch in der langen Liste von Namen, die meine Kollegin Cordula Modrack führt: Menschen, die helfen wollen, wo’s jetzt klemmt. Mir scheint, da leuchtet schon was auf von der „zukünftigen Stadt“.

    Die Lyrikerin Mascha Kaleko packt in ihrem Gedicht „Rezept“ schon mal den Koffer.

    „Sage nicht mein.
    Es ist dir alles geliehen.

    Lebe auf Zeit und sieh,

    wie wenig du brauchst.

    Richte dich ein.

    und halte den Koffer bereit“.

     

    Gesegnetes Weitergehen Ihnen und Euch allen! Ihre/Eure Pfarrerin Dr. Susanne Edel